Von Ulrike Brunotte

Die Dorfschule von Darmsdorf im Brandenburgischen ist nicht unbedingt ein verführerischer Ort: der übliche Plattenbau und ein staubiger Schulhof, über den noch immer der Geist sozialistisch gemaßregelter Pädagogik seinen Schatten wirft. Zwar tönen keine FDJ-Lieder mehr aus den neonerleuchteten Klassenzimmern, aber auch das neue – westliche – Zeitalter hat noch nicht Einzug gehalten in der Dorfschule Darmsdorf.

Es ist Mittagszeit, die Schule im Dämmerschlaf. Der Ort scheint von allen guten Geistern verlassen, gäbe es nicht im sogenannten Clubraum im Erdgeschoß das kleine Grüppchen von Schülern, das sich zusammen mit der jungen Lehrerin, Gertrud Hamel, zuständig für Chemie und Mathematik, zu einer neuen Form von Unterricht zusammengefunden hat. Hier, zwischen zerschlissenen Clubsesseln und einer wackligen Tischtennisplatte, findet eine improvisierte Vorform dessen statt, was einmal in den offiziellen Lehrplan des brandenburgischen Schulwesens als Ethik-Unterricht Einzug halten wird.

Frau Hamel weiß, was ihre Schüler brauchen und von ihr erwarten: das offene Gespräch über ihre ureigensten Sorgen und Ängste, über die Zukunft, über Freundschaft und Sexualität, über Fragen des Glaubens und das, was an die Stelle der sozialistischen Ideale treten kann, die in der Rümpel- und Requisitenkammer der Geschichte gelandet sind.

Was die Darmsdorfer Lehrerin und Pädagogik-Pionierin hier vorsichtig und spontan mit ihren Schülern ausprobiert, soll im neuen Schuljahr als Modellversuch an 44 Schulen Brandenburgs unter dem eher sperrigen Fachnamen „Lebensgestaltung/Ethik/Religion“ verbindlich werden. In der zugleich blumigen und ein wenig nichtssagenden Sprache des sogenannten „Grundsatzpapiers für die öffentliche Diskussion“ werden vom Bildungsministerium des Landes Brandenburg die Inhalte dieses neuen „Brandenburger Modells“ beschrieben: Um „Lebenskrisen“ soll es gehen, um „Vorbilder“, um „Alter und Altern“, um „Weiblichkeit und Männlichkeit“; die Schüler sollen „Frieden lernen“, sich mit „Alkohol, Drogen und Süchten“ auseinandersetzen, aber auch „Heiliges und Profanes“ voneinander unterscheiden lernen, sich mit der „Frage nach Gott aus religiöser und philosophischer Sicht“ beschäftigen, schließlich auch die „Heilige(n) Schrift(en) verschiedener Religionen“ lesen und sich mit „Ideologien, Sekten, Okkultismus, Spiritismus und Aberglaube“ auskennen.

Worum also geht es? Um mit einem Wort Adornos zu antworten: „bloß um alles“. Denn das Viele mag am Ende sehr wenig sein, und ob aus dem Wenigen wenigstens noch Etwas wird, das hängt gewiß auch mit der Person des jeweiligen Lehrers oder der Lehrerin zusammen. Ganz offensichtlich geht das Modell von einer Unterrichtsform aus, in der die Conditio humana „als solche“ thematisiert wird – und das ist seine Schwäche. Realisieren kann es nur jemand, der zugleich Therapeut und Kumpel ist, Vater und Bruder oder Mutter und Schwester, Beichtvater und Aufklärer, Spielkamerad und Tröster, die Traumgestalt eines „Lebensgestaltungslehrers“. Von ihr wird sich das Brandenburger Modell wohl verabschieden müssen, wenn es in der Alltagspraxis der Schule bestehen soll. Aber es kann für sich in Anspruch nehmen, daß humane Utopien der Orientierung dienen.

Aber selbst dieser praxisnah zurechtgestutzten Utopie stehen in der bildungspolitischen Auseinandersetzung noch Hindernisse im Wege, die sich mittlerweile zu einem Labyrinth ausgewachsen haben. Seit geraumer Zeit tobt ein wahrer Kulturkampf zwischen dem Bildungsministerium im Land Brandenburg und der Kirche. Der Versuch von Bildungsministerin Marianne Birthler, den Lernbereich „Lebensgestaltung/Ethik/Religion“ als interdisziplinäres und überkonfessionelles, für alle Schüler verbindliches Fach durchzusetzen, trifft auf den heftigen Widerstand der Kirchen und ihr nahestehender Politiker, die, wie beispielsweise die Berliner Parlamentspräsidentin Hanna-Renate Laurien, den Birthlerschen Modellversuch für verfassungswidrig halten.