Edzard Reuter, Chef des umsatzstärksten deutschen Industriekonzerns, Daimler-Benz, hat bisher nur verbal die Grenze überschritten und verkündet, ein Mercedes müsse nicht unbedingt made in Germany sein. BMW-Lenker Eberhard von Kuenheim und sein Vorstand wollen nun tatsächlich den einst ehernen Grundsatz ignorieren, daß ein Personenwagen der deutschen Luxusmarken nur hierzulande entstehen kann – kleine Montagelinien wie die in Südafrika zählen da nicht. Im amerikanischen Bundesstaat South Carolina wird für eine knappe Milliarde Mark die erste BMW-Autofabrik entstehen.

Von 1995 an produziert das neue Werk in Spartanburg einen speziell für den US-Markt entwickelten sportiven Zweisitzer. In der Endausbaustufe werden 2000 Mitarbeiter etwa 70 000 Fahrzeuge bauen – zu Personalkosten, die nach BMW-Kalkulationen um 25 Prozent unter den deutschen liegen. Um vor allem japanischen Konkurrenten gerade auf dem amerikanischen Automarkt – dem größten der Welt – Paroli bieten zu können, peilt BMW einen Preis von umgerechnet 45 000 Mark an.

Noch bemerkenswerter am ersten BMW made in USA ist, daß damit ein sorgfältig gepflegtes Dogma still beerdigt wird. Und das hieß so: Nur ein Ursprungsland ohne generelles Tempolimit garantiert den deutschen Oberklasse-Autos ihr besonderes Image und ihren Erfolg beim Kunden. Das Argument der Branche gegen eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf deutschen Autobahnen ist erledigt.

Als Krupp die Hand nach dem Dortmunder Traditionsunternehmen Hoesch ausstreckte, erbaten die Belegschaft und die Wirtschaftsvertreter aus der Stadt Hilfe von Friedel Neuber. Der Chef der Westdeutschen Landesbank, die Staatsbank des Landes Nordrhein-Westfalen ist, sollte die Machtübernahme durch den Essener Konzern verhindern. Aber dazu war Neuber – wenn er denn überhaupt gewollt hätte – gar nicht in der Lage. Denn unabhängig von den Hoesch-Aktien im Besitz der Landesbank – inzwischen beinahe fünfzehn Prozent – hatte Krupp die Aktienmehrheit von Hoesch längst hinter sich.

In schwerer Zeit kam Neuber der westfälischen Industriemetropole dann doch noch zu Hilfe. Während in der Hoesch-Hauptversammlung die Stimmrechtsbeschränkung aufgehoben und damit das letzte Hindernis für die Übernahme durch Krupp beseitigt wurde, gingen die Verhandlungen über den Rückkauf eines anderen Traditionsunternehmens der einstigen Hansestadt in die letzte Runde: Die Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen AG (VEW) erwirbt aus der Konkursmasse des Schweizer Pleitiers Werner K. Rey die Mehrheit an der Harpener AG.

An den letzten Feinheiten der Transaktion wurde zu Beginn der Woche noch gefeilt, die Konturen zeichneten sich jedoch deutlich ab: Bei VEW werden etwa sechzig Prozent der Harpen-Aktien landen, weitere knapp zwanzig Prozent übernimmt Neubers Bank.

Bei VEW feiert man den Mehrheitserwerb als lokale – wenn nicht sogar nationale – Tat. Tatsächlich ist das ehemalige Bergwerksunternehmen bei VEW nun in guten Händen, aber der Stromerzeuger muß vor allem seinen nicht gerade durch niedrige Preise verwöhnten Stromkunden wohl noch erklären, wo der Sinn des Geschäftes steckt. Und da hat man die Wahl zwischen Heimatliebe und Nachahmungstrieb. Vermutlich hat bei der Entscheidung, die VEW an die 400 Millionen Mark kosten dürfte, eine Mixtur aus beidem Pate gestanden. Auf der einen Seite möchte man den großen Kollegen aus der Strombranche – RWE und Bayernwerk/Viag – beim Beteiligungserwerb nicht nachstehen; andererseits tut man etwas für die wegen des Krupp-Einstiegs bei Hoesch in ihrem Stolz getroffene Stadt, deren Oberbürgermeister schließlich dem VEW-Aufsichtsrat präsidiert.