Von Jens Borchers

Bangkok

Die Stunde der Wahrheit begann mit der zweiten Phase des Friedensplanes für Kambodscha. Sieben Zehntel aller Truppen der vier Bürgerkriegsfraktionen sollten unter der Aufsicht von Friedenstruppen der Vereinten Nationen entwaffnet und kaserniert werden. Doch die Roten Khmer, die unter dem Schreckensregime Pol Pots fast eine Million Menschen umbrachten, weigerten sich rundheraus, ihre Waffen abzugeben.

Das ist zwar ein klarer Bruch des Friedensvertrages von Paris, doch dürfte er kaum geahndet werden. Die Vereinten Nationen reagieren hilflos, während die Roten Khmer nach dem Prinzip Saddam Husseins verfahren: Nachgeben nur dann, wenn direkte Gefahr droht. Die UN-Friedenstruppe in Kambodscha aber stellt keine ernsthafte Bedrohung für die Roten Khmer dar.

Dabei war es eine so schöne Vision: Die Völkergemeinschaft entsendet 16 000 Blauhelme nach Kambodscha, dazu noch 4000 zivile UN-Bedienstete, und alsbald kehrt Ruhe ein im Land der Khmer. Schließlich, so die Grundüberzeugung beim Friedensschluß von Paris, sehnen alle Kambodschaner nach dreizehn Jahren Bürgerkrieg den Frieden herbei.

Ein organisiertes Verbrechen

Dies entlarvt sich nun als Wunschdenken. Die Roten Khmer wollen ihren Einfluß im Land erhalten. Von ihrer Unterschrift unter den Friedensvertrag von Paris erwarteten sie Machtzuwachs: Das Abkommen sicherte ihnen zum einen politische Aufwertung zu Hause und auf internationalem Parkett, ohne daß der Genozid am eigenen Volk auch nur erwähnt worden wäre. Zum anderen rechneten die Roten Khmer damit, ein gewichtiges Wort im Obersten Nationalrat von Kambodscha, besetzt mit Repräsentanten aller vier Fraktionen, mitreden zu können.