Von Thomas Kunze

HAMBURG – Es ist still geworden um Kuba. Hans Magnus Enzensberger meinte zuletzt, Fidel Castro sei so unbedeutend geworden, daß er nicht einmal mehr Feinde habe. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa erwartete alle Welt eine gleichartige Entwicklung in dem Inselreich, das nun schon seit 33 Jahren – 144 Kilometer südlich von Key West – als Stachel im Fleische der Vereinigten Staaten gilt.

Dies ließ jedoch den hausgemachten Charakter der kubanischen Revolution ebenso außer acht wie die Widerstandskraft ihres Comandante en Jefe, der nun schon dem achten US-Präsidenten erfolgreich trotzt. Bereits ein Jahr vor den Veränderungen in Osteuropa hatte Fidel Castro dem diplomatischen Corps zu dessen Verwunderung verkündet, Kuba werde im Falle des Zusammenbruchs der Sowjetunion seinen Revolutionsweg auch ohne deren Hilfe fortsetzen. Wirtschaftlich war das möglich. Denn einerseits fanden sich neue Kreditgeber, die die bereits seit 1986 gemachten Erfahrungen anderer Gläubiger solange ignorierten, bis schließlich auch sie ihre Forderungen gegenüber dem Land mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung in Lateinamerika nicht mehr eintreiben konnten. Andererseits sparte Fidel Castro: Er stoppte seine Unterstützung für die Guerilla in aller Welt, um sich auf das eigene Land zu besinnen und durchzuhalten.

Unterstützt wird Castro dabei paradoxerweise von den Vereinigten Staaten, die – ganz im Gegensatz zur deutschen Ostpolitik der offenen Tür – nun schon seit über dreißig Jahren durch ihr striktes Embargo Kuba gleichsam gegen ihren eigenen Einfluß abschotten. Eine Lockerung von dieser Linie würde Fidel Castro das Argument nehmen, die kubanische Wirtschaftsmisere sei Folge von Washingtons Sanktionen.

Doch Washington wird hieran nichts ändern: Für die Vereinigten Staaten würde eine solche Öffnung den Zustrom Hunderttausender, ja vielleicht von ein oder zwei Millionen Kubaner bedeuten. Mit einem Zusammenbruch der kubanischen Revolution allein wären schließlich noch keine Voraussetzungen für einen Wirtschaftsaufschwung gegeben; das hat die Entwicklung in Osteuropa inzwischen gelehrt.

Ein abruptes Ende der Ära Castro würde gegenwärtig nichts als Chaos bedeuten. Die Läden in Havanna sind völlig leer, die Bevölkerung hat keine Nahrungsmittelreserven: Der Ausfall der parteigesteuerten Produktions- und Verteilungsmaschinerie würde augenblicklich zur Hungersnot führen.

Die Exilkubaner in Florida unterschätzen völlig, welche Probleme auf das Land nach dem von ihnen ersehnten Ende zukämen. Zunächst würden, wie in Ostdeutschland, ungeklärte Eigentumsverhältnisse und eine schlechte Verwaltung die nötigen Investitionen blockieren – das millionenschwere Vermögen der Exilkubaner käme somit nicht zum Einsatz. Die comunidad von Miami denkt ohnehin nicht an eine Rückkehr, sondern nur an Rückgewinnung. Die Exilkubaner der ersten Generation sind längst in Florida etabliert. Vielmehr drängt es ihre Kinder und Enkel in das Land der Vorväter. Doch die Jungen haben keine Vorstellung, was es bedeutet, erst die Voraussetzungen für den Aufbau schaffen zu müssen. Nicht nur die oft marode Infrastruktur, auch die Apathie einer Bevölkerung, die nun schon eine Menschengeneration unter der Planwirtschaft lebt, stellen hohe Hürden dar.