Von Hans Harald Bräutigam

Die Krebsforschung hält auch gute Nachrichten bereit: Einige bösartige Geschwülste können erfolgreicher behandelt werden, andere sind seltener geworden als früher. Hodenkrebse beispielsweise sind inzwischen fast immer heilbar. Andere bösartige Neubildungen wie jene des Magens treten viel seltener auf. So ist die Gesamtsterblichkeit an Magenkrebs in den vergangenen dreißig Jahren um fast siebzig Prozent zurückgegangen, weil die Erkrankungshäufigkeit gesunken ist.

Das verdanken wir auch den oft unterschätzten Erfahrungen der Epidemiologen. Sie haben nämlich herausgefunden, daß die sehr unterschiedliche regionale Verbreitung des Magenkarzinoms offensichtlich mit dem Lebensstil zu tun hat. In Japan und Osteuropa kommt Magenkrebs häufig vor. In Westeuropa und Nordamerika ist das Leiden seltener. Japanische Kinder, die in den Vereinigten Staaten aufwachsen, erkranken als Erwachsene daran jedoch nicht häufiger als US-Bürger. Die familiäre Disposition zum Magenkrebs, ein vierfach erhöhtes Risiko, scheint plötzlich verschwunden zu sein. Daß dies mit den anderen Lebensgewohnheiten in der Neuen Welt zusammenhängt, ist wahrscheinlich.

Die unmittelbare Umwelt des Magens wird durch die Ernährung bestimmt. So wachsen die Kinder japanischer Eltern mit besonderen Eßgewohnheiten auf. Die amerikanische Küche setzt ihnen Speisen vor, die zumeist aus dem Kühlschrank kommen. In Japan gab es viel rohen Fisch und rohes Fleisch oder halbgar im „Mongolian Barbecue“ in glühender Hitze minutenschnell zubereitete Mahlzeiten.

Die Kühlschrankkost, so fade sie im Vergleich zu traditionellen Zubereitungen sein mag, hat also auch ihre Vorteile, zumindest, was die Entstehung von Magenkarzinomen anbelangt. Der Epidemiologe Jürgen Wahrendorf vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg hat in seiner „Krebslandkarte der Bundesrepublik Deutschland“ Regionen vermerkt, in denen das Auftreten von Magenkrebs mit der Vorratshaltung von Lebensmitteln in Verbindung gebracht wird. Dort, wo Fleisch oder Fisch zur Haltbarmachung geräuchert oder gepökelt wird, Konservierungs- und Farbstoffe wie Nitrite zugesetzt werden, ist Krebs häufiger.

Aber nicht nur die Ernährung spielt für die Entwicklung von Magenkrebs eine Rolle. Im spärlich aufgebauten drüsigen Anteil der Magenschleimhaut entwickeln sich beispielsweise bei der atrophischen Gastritis, die oft zu einer bestimmten Form der Blutarmut gehört (perniziöse Anämie), in fünf Prozent der Fälle Magenkrebse. Magengeschwüre hingegen, die durch übermäßige Produktion von Magensäure oder durch bestimmte Bakterien entstehen können, gelten seit einiger Zeit nicht mehr als Vorboten oder Warnzeichen für Krebsentstehung.

Das macht allerdings auch die Früherkennung problematisch. Denn auf die Krankheitsvorgeschichte, die sogenannte Ulkusanamnese, ist wenig Verlaß. Magenschmerzen können sofort oder wenige Stunden nach dem Essen sowohl beim Geschwür wie beim Krebs auftreten. Aber nur etwa ein Viertel aller Krebskranken verspürt die klassischen Symptome des Magengeschwürs: Schmerzen bald nach dem Essen.