Von Werner A. Perger

Wien

Das Panorama ist eindrucksvoll von hier oben. Der Blick schweift über Burgtor, Museum, Parlament und Rathaus hinüber zum Burgtheater, dann weiter zum Ballhausplatz, wo Kanzler und Außenminister residieren, und zum Präsidialtrakt der Hofburg, in dem Kurt Waldheim noch seine Amtsräume hat, schließlich zum Konferenzzentrum mit den Flaggen der Welt. Kirchtürme ragen in den Abendhimmel, malerisch, kitschig. Ein Bild für Ansichtskarten. Gruß vom Heldenplatz.

Noch sind unten in der Dämmerung die Reiterstatuen der beiden österreichischen Nationalhelden, die dieser Arena den Namen geben, deutlich zu erkennen; der eine, Eugen von Savoyen, war ein Fremder, ehe er in Wien heimisch und zum Heros wurde. Der Platz ist voll mit Menschen. Etwa 60 000 sind zu einem "Konzert für Österreich" gekommen. Sicherlich ist der Auftrieb bescheiden, verglichen mit der Inszenierung und dem Jubel seinerzeit, am 15. März 1938, als der Österreicher Adolf Hitler von diesem Balkon aus den "Anschluß" seiner Heimat ans Deutsche Reich verkündete und die berüchtigten Massen ihm zujubelten: 500 000.

Seither hat niemand mehr von dieser Stelle aus gesprochen, bis Mittwoch vergangener Woche. Da ist einer nach Wien gekommen, der um diese Stadt sechs Waldheim-Jahre lang einen großen Bogen gemacht hat, Elie Wiesel, der Schriftsteller, Lehrer, Mystiker und Friedensnobelpreisträger. Die Veranstalter haben ihn über private Kanäle erreicht; ein sozialdemokratischer Minister hat mitgemischt; Waldheims Pensionierung bedeutet eine kleine Zäsur, und der etwas bizarre äußere Anlaß für diese Mischung aus Konzert und Kundgebung dürfte zusätzlich geholfen haben: der Jahrestag von Jörg Haiders Lobpreisung der Beschäftigungspolitik des Hitler-Regimes.

Wiener Symbolik: Von dem ominösen Balkon aus sprach nun also der Jude aus New York, der vor 63 Jahren in dem siebenbürgischen Städtchen Sighet geboren wurde, und der nicht mehr am Leben wäre, wenn sein historischer Vorredner und dessen Helfershelfer ihr Mordprogramm hätten zu Ende bringen können. "Ich habe ein komisches Gefühl", sagt er vor der Rede beim Blick hinunter auf die Menge, die noch der Show auf der Bühne folgt. Die Situation ist in der Tat etwas kurios. Auch etwas gespenstisch. Vielleicht ein wenig überinszeniert?

Als es dunkel ist, wird über den Lautsprecher der Auftritt des Redners angekündigt. Wiesel tritt an die Brüstung des enormen Balkons, zu den Mikrophonen. Ein Scheinwerfer richtet sich auf ihn. Kurze Stille. Dann beginnt Ehe Wiesel, der Überlebende von Auschwitz und Buchenwald, seine Ansprache mit einem Hinweis auf die Ironie des Moments. "Vielleicht hat Geschichte keinen Sinn für Gerechtigkeit", sagt er, "aber gewiß hat sie einen Sinn für Humor."