Von Hansjakob Stehle

Karlsruhe

Übertönte das große Gerede nur die große Verlegenheit? Oder war der kirchlich-politische Jahrmarkt, der fast 50 000 überwiegend junge Menschen zum Deutschen Katholikentag nach Karlsruhe lockte, nur wieder einmal die Gelegenheit zur fröhlich-frommen Selbstbedienung? Es kamen halb so viele wie vor zwei Jahren nach Berlin. Doch was ihnen mit einem Aufwand von zwölf Millionen Mark (davon mehr als die Hälfte aus Staats- und Stadtkasse) geboten wurde, konnte die vielberedete Glaubens- und Kirchenkrise fast wie ein harmloses Happening erscheinen lassen. Alles kam irgendwo, irgendwann zur Sprache – aber keines der Reizthemen beherrschte die Debatte: weder Abtreibung noch antirömischer Affekt, ja nicht einmal Drewermann...

So war auch nicht apokalyptisch gemeint, was sich dieses Laienfestival als Leitwort aus der biblischen Geheimen Offenbarung verordnet hatte: "Eine neue Stadt ersteht" – also der "Bau Europas in der Einen Welt", geradezu zum himmlischen Jerusalem verklärt. Das konnte als Flucht in die Utopie mißverstanden werden, als Versuchung, unter dem Stichwort "Neu-Evangelisierung" nun irdische Paradiesvorstellungen christlich statt marxistisch zu propagieren. Davor bewahrte diesen Katholikentag (bei dem manche Politiker auftraten, als sei dies der Bundestag) jedoch die Konfrontation mit der Wirklichkeit. Da bezeugten Redner, auch bischöfliche, aus den politischen und sozialen Krisenregionen – von Serbien bis Brasilien, von Brandenburg bis Sibirien –, wie ratlos, wenn auch nicht hoffnungslos, nicht nur katholische Kirchenchristen im Erdbeben des Epochenwechsels stehen. Und wie daneben der innerkirchliche Streit zur künstlichen Aufgeregtheit seiner Wortführer verblaßt.

Das gilt sogar für die verteufelte "Schlange, die sich Vatikan nennt" (Drewermann). Sie wäre es ja ihrem schlechten Ruf schuldig gewesen, einen Zankapfel in den Katholikentag zu werfen. Was aber geschah? Mit keinem Wort äußerte sich der Papst in seiner (deshalb wohl auch fast ignorierten) Botschaft nach Karlsruhe zur Krise im deutschen Katholizismus. Nicht einmal andeutungsweise benutzte er die Gelegenheit, den "römischen Zentralismus" zu praktizieren, den ihm sogar der kirchentreue Stuttgarter Regierungschef Teufel ankreidete. Statt dessen stellte dieser von strengen Teutonen als Zuchtmeister und Fundamentalist verschrieene Papst ganz nüchtern fest: Die christlich-himmlische Vision von Europa lasse sich "nicht mit einer politischen Größe oder einem innerweltlichen Konzept gesellschaftlichen Lebens gleichsetzen". Auch hielt er den wieder vereinten Deutschen nicht die allemal erwartete Predigt zur Sexualmoral; statt dessen mischte er sich kräftig in die Stasi-Debatte ein. Gegen die "Gefahr der Aufteilung der Gesellschaft in Opfer und Täter" mahnte er zu "Versöhnungsbereitschaft, die jedem, auch dem Schuldiggewordenen, neue Chancen gibt". Im übrigen habe Versöhnung eine weltweite Dimension, auch Europa dürfe sich "nicht in sich selbst verschließen".

Und die römische Kirche? Ihr universaler, übernationaler Sendungsanspruch auf geistliche, aber auch soziale Heilsvermittlung stößt nicht nur im Vatikan auf bürokratische Barrieren. Auch bei der Sitzung einer so erlauchten Laienkörperschaft wie des Zentralkomitees der deutschen Katholiken konnte man erleben, wie schwer es Funktionäre haben, Erleuchtendes zu formulieren oder gar zu praktizieren. Da beschloß man eine Erklärung, in der eine "allgemeine Kollekte" für Osteuropa gefordert wird – natürlich ohne daß man sich den Katholikentag ersparen möchte. Gegen die Absicht jedoch, zu diesem Zweck ein "Werk", also noch eine Organisation, zu gründen, erhob sich Protest. "Jetzt wollen Sie also die ‚Festung Europa‘ nach Osten ausbauen", rief fast zornig Prälat Herkenrath, der das Hilfswerk Misereor für die Dritte Welt leitet; dort gehe es doch ums Überleben und "bei uns nur ums besser Leben".

Der Unterschied produziert nicht nur karitative Konkurrenz auf katholisch: Er erzeugt vielfältige Spannungen im Bewußtsein einer Religionsgemeinschaft, die in den Elendsquartieren wie in den Manageretagen dieser Welt glaubhaft sein will und mehr Freiheit braucht, als sie gibt. Dies hat in einem Deutschland, in dem seit der Reformation auch Katholiken nie mehr ganz unbefangen nach Rom blicken, nach der Vereinigung mit dem überwiegend entkonfessionalisierten Osten die Frustrationen verstärkt. Noch vor zwei Jahren, beim Katholikentag in Berlin, hatte sich Karl Lehmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, gefreut, daß "wir endlich auch in der Kirche wieder etwas Ernsteres haben, als uns ständig selbst zu bespiegeln und wichtig zu nehmen".

Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllte – wie das Karlsruher Katholikentreffen zeigte. "Machen wir doch keine Karikaturen voneinander!" rief der moderate Lehmann auch jetzt wieder und rügte die "Nabelschau" als "schlimmsten Feind der Kirche". Sie läßt sich freilich schon deshalb schwer überwinden, weil diese Art von "Schau nach innen" so etwas wie ein Mystik-, ja Religionsersatz geworden ist. Und die Volkskirche – wo ist sie? Nur in den Nischen des Katholikentags nistete Frömmigkeit, zu der man keine Theologen, Psychologen oder gar Politiker braucht.