Von Frank Herrmann

Erbil (Kurdistan)

Die Fähre sieht aus, als müßte sie jeden Augenblick kentern. Drei leere Wassertanks, mit einem Stahlgerippe verschweißt, schaukeln durch die braunen Fluten des Großen Zab. Schicksalsergeben starren die Passagiere aufs Wasser. Hin und wieder schickt einer ein leises Stoßgebet zu Allah. Sie atmen auf, als der Kahn endlich anlegt. Dreihundert Fahrzeuge mit Insassen können den Zab an einem Tag überqueren. Vier Stunden Wartezeit an jedem Ufer sind normal: Hier ist das Nadelöhr Kurdistans. Im Winter hatten die Peschmerga, die kurdischen Guerillas, eine Pontonbrücke gebaut. Sie hielt nur wenige Wochen; das Frühjahrshochwasser hat sie mit sich gerissen.

Seit jeher teilt der Große Zab das irakische Kurdengebiet in zwei Hälften. Westlich des Stroms dominiert der Badinan-Dialekt, östlich davon die Sourani-Mundart. Sie haben weniger miteinander gemein als Deutsch und Holländisch. Der Sprachgrenze folgen auch die politischen Einflußsphären. Die Badinan-Kurden halten es mit Massud Barsani, die Sourani-Kurden mit Jalal Talabani. Eine große Integrationsfigur, wie sie einst der legendäre „Mullah“ Mustafa Barsani war, gibt es nicht mehr. Um so mehr ist der Versuch, die Rivalität zwischen den „Kronprinzen“ im Parlament und nicht auf dem Schlachtfeld auszutragen, ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Bisher ist es geglückt.

Wie die meisten sieht Dilschad Barsani, Massuds jüngerer Bruder, die Gefahr eines Bürgerkrieges gebannt. Vor den Parlamentswahlen im Mai habe er Bruderkämpfe befürchtet, bekennt er, aber jetzt nicht mehr. Daß während des Urnenganges kein Schuß fiel, feiern die Kurden als großen Sieg. Von den Wahlfälschungen wird nicht mehr gern gesprochen. Tausende von Wählern hatten ihre Finger in Schwefelsäure getaucht, um die zur Markierung dienende Tinte wegzuätzen und sich wieder hinten anzustellen. Abertausende gaben in mehreren Lokalen ihre Stimme ab: einmal ausgewiesen mit dem Paß, dann mit der Waffenkarte, dann mit dem Führerschein ...

Mahmud Othman, wie Talabani einst ein Gefährte von Mullah Mustafa, will die Wahl im Herbst wiederholen lassen. Vorher solle eine Volkszählung stattfinden. Den jetzigen Nationalrat nennt der alte Haudegen, dessen Sozialistische Partei an der Siebenprozenthürde scheiterte, ein „kommerzielles Zwei-Parteien-Unternehmen“. Barsanis Demokratische Partei Kurdistans und Talabanis Patriotische Union Kurdistans stellen je fünfzig Abgeordnete. Die übrigen fünf repräsentieren die christliche Minderheit der Assyrer. Der Parlamentspräsident ist ein Mann Barsanis, der Regierungschef kommt aus Talabanis Kreis.

Den „kleinen Mann“ läßt das kalt. Er beurteilt die Autonomieregierung weniger danach, wie sie zustande kam. Ihn interessiert, ob sie die Teuerung in den Griff bekommt. Ein Lehrer beispielsweise verdient zweihundert irakische Dinar im Monat. Aber schon ein Kilo Hammelfleisch kostet vierzig Dinar. Und die Regierung in Bagdad zahlt keine Gehälter mehr. Seit dem vergangenen Herbst straft Saddam Hussein die rebellischen Kurden mit einer Wirtschafts- und Verwaltungsblockade. Dem Acht-Parteien-Bündnis Kurdistan-Front, das zunächst zahlte, so gut es ging, ist das Geld ausgegangen. Ein Wirtschaftskonzept bietet weder Barsani noch Talabani. Ihre Programme beschränken sich bislang auf Losungen. Talabani, der sich als „demokratischer Sozialist“ sieht, favorisiert eine Bodenreform. Barsani möchte privates Eigentum nicht antasten, dem Markt keine Fesseln anlegen. Einig sind sich beide darin, daß der Krise ohne westliche Hilfe nicht beizukommen ist. Kurdistan müsse schnellstens vom UN-Embargo gegen den Irak ausgeklammert werden, fordern die Rivalen unisono.