Wer an unauflösliche "Ehen" zwischen Völkern glaubt, sollte – wenn er schon nicht in die Vergangenheit blickt – wenigstens bedenken, daß die Geschichte nie zu Ende ist. So auch nicht die der zehn Millionen Tschechen und fünf Millionen Slowaken, die nun einmütig auseinandergehen werden. Ihre beiden Volkstribunen, Klaus und Mečiar, haben sich nach vier mühsamen Verhandlungsrunden am vorigen Wochenende auf eine Prozedur geeinigt, die schon deshalb nicht schmerzlos ist, weil sie sich mit viel politischem Würgen monatelang hinziehen wird. Doch wird sie dank Jahrzehnten gemeinsamer politischer Kultur gewaltlos sein. Die Moldau fließt nicht durch Moldawien. Und der brave Soldat Schwejk schießt nicht so schnell – schon gar nicht übers Ziel hinaus.

Schon die Bestellung eines Konkursverwalters in Gestalt einer nur fünfköpfigen Übergangsregierung zeugt für die Absicht, beim Bruch möglichst wenig Krach zu erzeugen und sich Zeit zu lassen. Bis zum 30. September müssen die beiden Landesparlamente über die Einzelheiten der Trennung entscheiden, bis zum Frühjahr 1993 sollen beide Republiken den "Nachlaß" des alten Gesamtstaates teilen und über ihr künftiges Verhältnis zueinander befinden: Staatenbund oder nur Bündnis oder noch weniger? Es solle so sein, wie es der Tradition, aber auch den gegenwärtigen und zukünftigen "Bedürfnissen beider Völker" entspreche, heißt es – wohl mit absichtlicher Undeutlichkeit – in der Abmachung.

Alle Beteiligten wissen, daß der Teufel wieder einmal, im Detail steckt. Kein rettender Engel wird mehr als Vermittler auftauchen. Denn auch die Zeit von Václav Havel auf dem Präsidentenstuhl dürfte im Juli ablaufen. Seine erneute Kandidatur ist sehr ungewiß, noch mehr wäre es seine Wiederwahl, sogar an die Spitze der tschechischen Republik. Denn allzu emotional und nicht gerade unparteilich hatte sich Havel im Wahlkampf für den Zusammenhalt der Tschechoslowakei ausgesprochen.

Gerade bei den Veteranen – auch manchen slowakischen – des "Prager Frühlings" von 1968 lebt Masaryks Idee des "Tschechoslowakismus" weiter. Für sie möchte etwa der Schriftsteller Ludwik Vaculik auch in der neuen Tschechei eine Heimat gesichert sehen: "Jeder Slowake soll bei uns leben können." So bewegt sich übernationales wie nationales Denken im Bannkreis politischer Romantik. Sie will nicht wahrhaben, daß die "europäische Ordnung" von 1918 ebenso wie jene von 1945 untergegangen ist und eine neue erst in den Sternen der Europaflagge steht.

Inzwischen müssen sich Tschechen und Slowaken mit harten Tatsachen auseinandersetzen. Schon bei der Energieversorgung bleiben sie aufeinander angewiesen. Die Tschechen sind zwar wirtschaftlich die ungleich Stärkeren, doch waren sie bislang auf slowakische Halbfabrikate angewiesen. Vielleicht sind sie es bald schon auf Gastarbeiter aus der Slowakei, wo kaum noch ein westlicher Investor in marode Industrien einsteigen will. Was hilft dann das eifersüchtige Beharren auf einem nationalen Alleingang? Ohnehin ist die Slowakei kein reiner Nationalstaat: Siebzehn Prozent ihrer Bevölkerung entfallen auf Minderheiten, vor allem auf Ungarn, Ukrainer, Polen, Zigeuner. Die Juden hatte das Regime des Priesters Tiso, den manche jetzt als Nationalheroen feiern, an Hitler verkauft...

Schon jetzt melden die Sprecher von mehr als einer halben Million Ungarn, die zum Teil in geschlossenen Siedlungsgebieten in der Slowakei leben, ihre Forderungen an. Ihre "Bürgerpartei" fordert Autonomie, vor allem sprachliche, wie sie die Südtiroler in Italien genießen. Doch Mečiar, der neue starke Mann, hört das ungern. "Die Sprache der Slowakei ist slowakisch", brüllte er im Wahlkampf, um die Nationalisten zu beruhigen. Was sie ausbrüten, könnte sogar ihm die Sprache verschlagen. Hansjakob Stehle