Von Martin Merz

Karlsruhe

Die Buchhändler in Karlsruhe hielten ihre Nase in den Wind des Katholikentages und witterten die Stimmung in der Kirche. In ihren Auslagen überwogen die Bücher von Eugen Drewermann und Karlheinz Deschner. Die veröffentlichte Meinung, aber auch die Orientierungssuche vieler Katholiken legt nahe, die Machtfrage in der Kirche neu zu überprüfen: Fast stumm scheinen die episkopalen Wortverkünder neben den Kritikern des Klerus. Es bedarf schon eines „Kulturkampf-Aufschreis von Kardinal Joachim Meisner in seiner rüden CDU-Attacke, um Gehör zu finden. Und die lauten Töne von oben provozieren abermals kräftigen Widerspruch, zwar nicht „ins Angesicht“, aber doch in die Mikrophone des Katholikentages.

Die Buchhändler lagen mit ihrem Stimmungsbarometer richtig. Die Kirche selbst, ihr Zustand, ihr Erscheinungsbild war das eigentliche Thema des 91. Deutschen Katholikentages. Es brach sich Bahn gegen das mühsam formulierte, offizielle Motto „Eine neue Stadt ersteht – Europa bauen in der Einen Welt“.

Ein Gang durch einige der Planungsbüros der „Neuen Stadt“, die 1400 Einzelveranstaltungen des Katholikenfestes, offenbarte Vielfalt. Was man sagen oder hören wollte, wurde gesagt und war zu hören. Ökumene und Ökologie, christlichjüdischer Dialog und – neu auf dem Katholikentag – christlich-islamisches Gespräch gehörten dazu wie die feministische Theologie und das Frauenforum. Spirituelle Angebote für jeden Geschmack tauchten im offiziellen Programm ebenso auf wie die katholischen Reizworte Zölibat, Demokratisierung der Kirche und Homosexualität. Freilich blieb, ob Frauenweihe oder Pfarrerwahl, vieles im Konjunktiv und Imperativ formuliert. Ein Katholikentag der altbekannten Wünsche.

Eugen Biser, Religionsphilosoph aus München, stellte lapidar fest: „Das eigentliche Problem der Kirche ist heute die Sprache. Nur haben das noch nicht alle gemerkt.“ Den Vertretern der Kirche fällt es schwer, ihr Credo verständlich zu vermitteln. Wie können die alten Formeln, sofern sie noch gelten sollen, sprachlich übersetzt werden? Schließlich wollen sich die Menschen geistig beheimaten, ohne sich selbst als religiös anachronistisch zu erleben. Auffallend häufig im Vergleich zu vergangenen Jahren wurde von Theologen und Bischöfen ein persönliches Glaubenszeugnis gefordert. Auch jene Spezies der Katholiken, die alle zwei Jahre zu diesem Herdentreffen fährt, fragt inzwischen weniger politisch als fromm.

Gesellschaftlich muß sich die Kirche in Deutschland über vor-letzte Fragen mit Menschen verständigen, die ihr Bekenntnis und ihr Ethos nicht teilen. Kann sie das, wenn sie nicht einmal die innerkirchlichen vor-letzten und oft drittrangigen Fragen gelöst bekommt?