Von Hans Schuh

Wir erleben jetzt in der Astronomie eine große Zeit", sagt Joachim Trümper und blickt zufrieden aus dem Fenster seines Büros in Garching bei München. Der 59jährige Direktor des Max-Planck-Institutes für Extraterrestrische Physik ist einer der führenden Astronomen – von ihm selbst würde man das nie erfahren. Er ist vollkommen unprätentiös und stellt sich ebensowenig zur Schau wie sein Institut. Dessen Eingang sieht aus wie die Laderampe einer Lagerhalle und nicht wie das Tor zu einer internationalen Pilgerstätte der Astrophysik. Naturwissenschaftler, die teure Satelliten ins All schießen dürfen, wissen, was ihnen wichtig ist: Jeglichen Ballast vermeiden, lautet die Devise, und die Nutzlast erhöhen, um den wissenschaftlichen Ertrag zu optimieren.

Der Ertrag fließt seit zwei Jahren reichlich. Im Juni 1990 haben Joachim Trümper und sein Team den Röntgensatelliten Rosat gestartet und damit gewissermaßen ein Beobachtungsfenster zum Kosmos weit geöffnet. Wenn er sich jetzt auf seinem Stuhl zurücklehnt und die Hände über dem Embonpoint faltet, dann strahlt er eine bukolische Ruhe aus. Er könnte der Leiter einer großen landwirtschaftlichen Kooperative sein, der seine Scheunen randvoll weiß, während die Erntewagen stetig weiter einfahren.

Die Reporterfrage, ob er "ein Galilei der Neuzeit" sei, läßt ihn erschrocken hochfahren von seinem Sitz. Während er hin- und herläuft, streichen seine Hände über den lichten Haarkranz: "Um Gottes Willen, nein, dieser Vergleich ist mehrere Nummern zu groß", wehrt er ab. "In der modernen Naturwissenschaft ist es schlichtweg nicht mehr möglich, als einzelner solch fundamentale Beiträge zu liefern wie Galilei."

Und dennoch ist der Vergleich nicht völlig aus der Luft gegriffen: Genauso wie sich die Zahl der sichtbaren Sterne am Himmel etwa verzehnfacht hat, als Galilei seinerzeit das Fernrohr zu nutzen begann, so hat sich quasi mit einem Schlag die Zahl der bekannten, Röntgen"licht" ausstrahlenden Himmelsobjekte von einigen tausend auf über sechzigtausend erhöht, seit Rosats Röntgenaugen das All durchmustern. Trümper ist der wissenschaftliche Leiter des Rojaf-Programmes. In der Fachwelt genießt es höheres Ansehen als beispielsweise das Hubble-Weltraumteleskop, das durch fehlerhafte Optik für Schlagzeilen gesorgt und ein Vielfaches gekostet hat.

Nicht ohne Stolz bestätigt Trümper, daß Wissenschaftler aus aller Welt Schlange stehen, um Rosat für Beobachtungen nutzen zu dürfen. "Da haben wir in der Tat zur Zeit ein Monopol." Seine blaugrauen Augen, von denen er eines gerne halb zukneift, blitzen beim nächsten Satz: "Wir hatten übrigens auch schon vor dem Start von Hubble, als dessen Probleme noch nicht bekannt waren, mehr Anfragen von Gastbeobachtern." Mittlerweile arbeiten rund tausend Wissenschaftler mit Daten des Röntgensatelliten. Also doch ein persönlicher Erfolg?

Ein Mann wie Trümper lebt vom Understatement. Zunächst einmal sei es ein Team, das er leite, an dem neben der US-Weltraumbehörde Nasa auch britische Wissenschaftler beteiligt sind, betont er. Ferner arbeite das Hubble-Teleskop im vielbeackerten sichtbaren Bereich, wo auch die großen irdischen Teleskope zur Verfügung stehen. Hier liegt das Geheimnis von Trümpers Erfolg: Rosat ist konkurrenzlos, einerseits weil die Röntgenstrahlen aus dem All nahezu vollständig von der Erdatmosphäre geschluckt werden. Andererseits hat der Satellit eine Optik an Bord, die alle Vorläufersonden weit in den Schatten stellt. Im Guiness-Buch der Rekorde ist das von der Firma Zeiss geschliffene Rosat-Teleskop als glatteste Oberfläche der Welt registriert. Gewöhnlich lassen sich die sehr energiereichen Röntgenstrahlen weder bündeln noch abbilden. Das Kunststück gelingt dennoch, wenn sie in flachem Winkel auf eine superglatte Oberfläche treffen – dann lassen sich die Strahlen lenken ähnlich wie Rennwagen, die zwischen gut geschmierten Leitplanken einherschliddern.