Sie tragen ein weißes, langes Gewand, um die Hüften haben sie einen schwarzen Gürtel geschnallt, und ihren Kopf ziert ein beiger, hoher Turban. Sobald sich die Tänzer dem Scheich nähern, beginnen sie, sich um die eigene Achse zu drehen. Erst kreiseln sie nur um sich selber, dann allmählich umeinander. Die Arme haben sie ausgestreckt, die rechte Handfläche ist zum Himmel gerichtet, die linke zur Erde.

Vier Musiker spielen eine monotone, formelhafte Melodie, die tanzenden Derwische drehen sich immer schneller und geraten ganz offensichtlich in Verzückung. Plötzlich gibt der Scheich ein Zeichen, die Musik hält inne, und die Derwische ziehen sich – ohne zu schwanken – an den Bühnenrand zurück und werfen sich einen schwarzen Umhang über die Schultern. Kurz darauf beginnt der Tanz von neuem.

Der Osnabrücker Jugendchor hatte dreieinhalb Tage lang knapp zwanzig Ensembles mit fast zweihundert Musikern zu Konzerten eingeladen – hinduistische, buddhistische, moslemische, jüdische und christliche Musiker aus Indien, Tibet, der Türkei und Israel, Bulgarien, Georgien und Rußland. Ein Festival mit einer idealistisch formulierten Idee: „Musica Sacra International“ sollte das „friedliche Zusammenwachsen der Welt“ unterstützen und den „Austausch unterschiedlicher Traditionen ermöglichen“. Und das nicht nur in Konzerten: Die Musiker gingen in die Schulen und erklärten den jungen Leuten ihre Musik.

Aber trotz alledem: Die musikalischen Eindrücke und damit auch die religiösen Einblicke blieben an der Oberfläche. Im Programmheft konnten wir zwar lesen, der Tanz der Derwische sei ein „Ritus der Zentralisation“ und ein Gleichnis von Leben und Tod: Der schwarze Umhang symbolisiere das Grab, das weiße Gewand den reinen, gottsuchenden Menschen. Aber unmittelbar erleben können wir diese islamische Mystik nicht: die Gotteserfahrung mit Hilfe von Trance und Selbstvergessenheit. Und so blieb der Auftritt der tanzenden Derwische unweigerlich ein folkloristisches Ereignis.

Merkwürdige Macht der Musik: Wohl in allen Religionen spielt sie eine zentrale Rolle, für einen Außenstehenden aber ist sie ein entscheidendes Hindernis, sich der Religion zu nähern. Die Bibel oder den Koran kann man übersetzen, die Musik jedoch nicht. Und so kann es geschehen, daß einem Christen die „eigene“ Religion sehr fern ist, weil sie von einer fremden Musik sinnlich fremd dargestellt wird.

Zum Beispiel durch den indischen Christen Francis Barboza. Der greift mit seinem Tanz eine jahrhundertealte indische Tradition auf, ergänzt sie aber durch ein neues, „christliches Vokabular“: Jede Geste, jede Fingerhaltung hat eine Bedeutung. Aber wir verstehen diese Sprache nicht und auch nicht die Musik, die diese Bewegungen unterstützt – und so bleibt auch der Tanz von Francis Barboza, dem indischen Priester, der das Evangelium durch den traditionellen indischen Tanz predigt, ein folkloristisches Ereignis.

Das Treffen in Osnabrück zeigte, wie hermetisch musikalisch-religiöse Traditionen zunächst einmal sind. Dreißig Minuten lang tanzende Derwische zu beobachten, an einem knapp einstündigen buddhistischen Gebetsritual teilzunehmen, Synagogal-Gesänge und orthodoxe Chöre zu hören – das erinnerte ein wenig an den sprichwörtlichen Amerikaner, der Europa in vier Tagen touristisch „macht“.

Aber es ist dann allemal spannender und irritierender, als sich im Wohnzimmer von Ethno-Pop und Weltmusik einlullen zu lassen. Eckhard Roelcke