Legenden haben keine Biographie, alles Zufällige, irdisch Banale ist von ihnen abgefallen. Eine Legende schon zu Lebzeiten war der türkische Dichter Nazim Hikmet, der als Abkömmling der alten osmanischen Oberschicht früh Kommunist wurde und in vierzehn Jahren anatolischer Haft zarte Liebeslieder schrieb, die zu den schönsten der Weltliteratur gehören. Schulen und Schiffe wurden einst nach dem Inhaftierten benannt, Kultur- und Sportvereine nahmen ihn zum Patron; noch heute werden seine Verse in Paris oder Berlin auf Mauern gemalt, und in der Türkei, mit ihrer Bevölkerungsmehrheit von Analphabeten, „fliegen“ seine Gedichte als Lieder „von Mund zu Mund“. Im „Vater Dichter“ schien vereint, was sonst so schwer zusammengeht: Güte und Kampf, Poesie und Revolution, die Kunst und das Leben. Dietrich Gronaus Biographie (Rowohlt-Taschenbuch Verlag, Reinbek 1991; 160 S., 10,80 DM) spinnt weder die alten Legenden weiter, noch zerstört sie mit diesen auch gleich die Aura des Dichters. Sie schwindelt sich nicht über die Schwächen Hikmets hinweg und macht ihn doch nicht kleiner; sie legt uns dessen Voraussetzungen dar und weiß, daß sein Geheimnis damit längst nicht erklärt ist. Karl-Markus Gauß