Von Ralf Neubauer

In der Zentrale der IG Metall in Frankfurt schrillten Anfang vorletzter Woche die Alarmglocken. Eine Meldung von der Basis in Ostdeutschland versetzte die Vorständler der größten Einzelgewerkschaft der Welt in helle Aufregung. Dabei erschien der Anlaß auf den ersten Blick wenig spektakulär: Rostocker und Berliner Betriebsräte hatten alle Kollegen aus der Ex-DDR zu einer Konferenz in die Bundeshauptstadt geladen, um gegen die Politik der Treuhandanstalt Front zumachen und zugleich neue Konzepte gegen die Arbeitslosigkeit zu entwickeln. Die IG-Metall-Spitze reagierte dennoch außerordentlich irritiert. Der Grund: Die Betriebsräte planten ihre Aktion glatt im Alleingang – an den Gewerkschaften vorbei.

Der Vorgang zeigt überdeutlich, wie weit West-Funktionäre und Ost-Basis auch anderthalb Jahre nach der Vereinigung der meisten Gewerkschaften noch voneinander entfernt sind. Die Mauer in den Köpfen ist allgegenwärtig, und das Mißtrauen nimmt auf beiden Seiten eher zu. Ob nun IG Metall oder andere Gewerkschaften unter dem Dach des DGB – sie alle vermuten hinter jedem Alleingang von Ost-Belegschaften oder -Betriebsräten großangelegte Verschwörungen. Dahinter steckt die tiefsitzende Angst vor einer Spaltung der Gewerkschaftsbewegung und dem damit verbundenen Schwund der zahlenden Mitglieder im großen Stil. Der ist bislang zwar ausgeblieben. Irreal sind die Ängste in den Gewerkschaftszentralen aber nicht. Immer mehr Ost-Mitglieder fühlen sich von den West-Funktionären im Stich gelassen und mucken auf. Die IG Metall nahm daher die Initiative der Ost-Betriebsräte mehr als ernst.

Zwar wiegelte Berthold Huber, Büroleiter von IG-Metall-Chef Franz Steinkühler, zunächst ab: "Wir sehen dieser Konferenz relativ unaufgeregt entgegen." In Wirklichkeit machte sich jedoch in Frankfurt um so mehr "Sorge und Skepsis" breit, je näher der Veranstaltungstermin rückte. In den Leitungen der östlichen Gewerkschaftsbezirke war die Aufgeregtheit eher noch größer. Hasso Düvel, oberster Metaller in Sachsen, vermutete hinter der Betriebsräte-Initiative gar "trotzkistische Kreise" und beschwor bereits eine mögliche "Spaltung der Gewerkschaftsbewegung". Ins gleiche Horn stieß Horst Wagner, IG-Metall-Chef im Bezirk Berlin/Brandenburg. Ihm seien, so Wagner vieldeutig, Namenslisten von Konferenzteilnehmern zugespielt worden, aus denen hervorgehe, "was das offensichtlich für Leute sind". Diese Einschätzung der beiden Regionalfürsten teilte offenbar auch der IG-Metall-Vorstand. Er beschloß kurzerhand, offiziell nicht an der Tagung teilzunehmen, und empfahl auch allen Funktionären, auf Distanz zu gehen.

Wie überzogen die Reaktion der IG Metall war, zeigte sich spätestens am vergangenen Sonnabend. Auf ihrer Konferenz vermieden die Betriebsräte tunlichst alles, was die Gewerkschaftsoberen weiter hätte verärgern können: "Dies ist keine Aktion gegen die Gewerkschaften. Wir hoffen vielmehr, daß wir die nächste Konferenz gemeinsam veranstalten können", erklärte Eberhard Wagner, Gesamtbetriebsrat der Deutschen Seereederei, im Namen der meisten Teilnehmer. Daß es dennoch beinahe zum Eklat gekommen wäre, war vor allem Jürgen Ulber, dem "inoffiziellen Beobachter" des IG Metall-Vorstandes, zuzuschreiben. "Es wäre fatal, wenn wir eine Gewerkschaft bekämen, die man als Betriebsräte-Gewerkschaft bezeichnen könnte", erklärte Ulver vollmundig, worauf einige der rund 130 Arbeitnehmervertreter demonstrativ den Saal verließen.

Martin Jander, Wissenschaftler an der Freien Universität (FU) Berlin, kann angesichts von so wenig Fingerspitzengefühl nur den Kopf schütteln: "Die West-Gewerkschafter diskutieren auf dem Hintergrund ihrer westlichen Erfahrungen. Sie schaffen es einfach nicht, sich auf die ostdeutschen Problemlagen einzulassen. In den Belegschaften werden Betriebsräte und Gewerkschaften gleichgesetzt. Da kann man doch nicht herkommen und sagen, Betriebsräte-Gewerkschaften seien eine Gefahr. Wer so mit den Leuten umspringt, verscherzt sich auch die letzten Sympathien."

Tatsächlich haben die Gewerkschaften mit ihrer ostdeutschen Mitgliedschaft – und dazu zählen auch die meisten Betriebsräte – sehr viel mehr Probleme, als offiziell eingeräumt wird. Und wie fast überall erschweren beiderseitig enttäuschte Erwartungen das Zusammenwachsen. Selbst West-Funktionäre, die seit mehr als zwei Jahren vor Ort beim Aufbau der Ost-Gewerkschaften helfen, kommen immer noch nicht mit der Mentalität ihrer Klientel klar. "Sie kämpfen erst um ihre Rechte, wenn sie mit dem Rücken total zur Wand stehen. Und dann ist es meist schon zu spät. Die Arbeitgeber lachen uns doch aus, wenn sie sehen, wie wenig Leute wir hinter uns haben", klagt etwa Enno Lücht, hauptamtlicher IG-Metall-Funktionär in Bautzen, resigniert. Mit seinen Erfahrungen steht Lücht keineswegs allein da. Überall in der ehemaligen DDR berichten frustrierte West-Funktionäre über eine geringe Kampfbereitschaft der Basis.