Von Molly Selvin

Am 5. April marschierte eine halbe Million Amerikaner aus allen Teilen der Vereinigten Staaten durch Washington. Sie demonstrierten gegen das zu erwartende Grundsatzurteil des Obersten Gerichtshofs, das das Recht der amerikanischen Frau, eine ungewollte Schwangerschaft legal abzubrechen, stark einschränken könnte. An der riesigen Protestaktion beteiligten sich Frauen jeden Alters und eine erstaunlich große Zahl von Männern. Hollywoodstars, Lehrer, Ärzte, Vertreter der Kirche, Republikaner und Demokraten, darunter zwei Präsidentschaftskandidaten, marschierten mit.

Warum hat die Abtreibungsfrage gerade zu einer Zeit, in der viele andere und dringendere Probleme anliegen, Amerikaner in so großer Zahl auf den Plan gerufen? Das Land befindet sich immer noch in einer schweren wirtschaftlichen Rezession; fast acht Prozent der Amerikaner sind arbeitslos, fast zwanzig Prozent unter fünfundsechzig Jahren haben keine Krankenversicherung, drei Millionen sind obdachlos, Gewaltverbrechen nehmen zu, die einst so gerühmten öffentlichen Schulen kommen immer mehr herunter, und der Bundeshaushalt weist ein Defizit von 400 Milliarden Dollar mit steigender Tendenz auf.

Der Abtreibungsfrage aber wird weit mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Bei den leidenschaftlichen Abtreibungsgegnern, die über einen großen Spendentopf verfügen und gut organisiert sind, herrschen religiöse Motive vor. Als extremstes Beispiel kann die Gruppe gelten, die unter dem Namen „Operation Rescue“ für den Schutz des ungeborenen Lebens agitiert. Dieser Organisation gehören fundamentalistisch eingestellte Christen an, die den Fötus als „ungeborenes Kind“ und den Schwangerschaftsabbruch als Kindermord betrachten. Mitglieder der Operation Rescue haben schon landesweit Kliniken – mit der Bibel in der Hand und Kirchenlieder singend – blockiert, um schwangeren Frauen den Zutritt zu verwehren, und dabei Massenverhaftungen riskiert; Ärzte, die Abbrüche durchführen, wurden belästigt und bedroht. Und es sieht aus, als könnten Gruppen wie Operation Rescue am Ende ihr Ziel erreichen. Dies wiederum kann nur größte politische Unruhe stiften.

1973 setzte der Oberste Gerichtshof mit seinem Grundsatzurteil „Roe versus Wade“ dem jährlichen Sterben Tausender von Frauen und dem verzweifelten Abtreibungstourismus ein Ende. Die Richter entschieden, daß das Recht der Frau, eine Schwangerschaft in den ersten drei Monaten zu beenden, unter den von der Verfassung garantierten Schutz bestimmter Persönlichkeitsrechte fällt. Der Gerichtshof befand, daß Gesetze der einzelnen Bundesstaaten, die den Schwangerschaftsabbruch behindern, gegen die Verfassung verstießen.

Dies ist mittlerweile längst der Fall: Missouri stellt öffentliche Gelder für die Abtreibung nicht mehr bereit, laut Verordnung der Bush-Administration ist es dem Personal von Kliniken, die für mittellose Bürger vom Staat unterhalten werden, verboten, die Möglichkeit einer Abtreibung auch nur anzusprechen. Im vergangenen Jahr wurden in Pennsylvania, Louisiana und Utah Gesetze erlassen, die, solange das Roe-Gesetz in Kraft ist, eindeutig gegen die Verfassung verstoßen. In Pennsylvania soll die Frau gezielt von der Beendigung einer Schwangerschaft abgebracht werden: Der Arzt muß ihr Alternativen nahelegen, zum Beispiel die Freigabe zur Adoption, und er muß sie über Wachstum und Entwicklung des Fötus unterrichten. Drakonische Bestimmungen in Utah sehen Geld- und Gefängnisstrafen vor, sowohl für den Arzt als auch für Freunde oder Verwandte, die den Abbruch unterstützen, also die Frau beispielsweise zum Arzt fahren. Der Oberste Gerichtshof wird jetzt darüber befinden, ob die Rechtslage in Pennsylvania mit der Verfassung in Einklang steht; er könnte ein Gesetz erlassen, das sich eng an diese Vorlage hält und die liberale Roe-Regelung weiter aushöhlt, er könnte letztere sogar ganz aufheben.

Warum passiert all das just in diesen Tagen? Woher erklärt sich der Zorn der Amerikaner auf beiden Seiten?