Von Rita Süssmuth

Über Gewissensentscheidungen scheint man nur streiten, nicht reden zu können. Das Gewissen macht Mühe: dem einzelnen, aber auch der Politik. Vertraute Spielregeln öffentlicher und halböffentlicher Entscheidungsfindung sind plötzlich außer Kraft gesetzt. Wer sich auf sein Gewissen beruft, scheint sich der gemeinsamen Meinungsbildung, ja letztlich sogar den Argumenten der anderen zu verweigern und sich auf eine nicht durchschaubare Instanz zurückzuziehen: auf sich selbst in einem verborgenen Inneren, in einem unzugänglichen letzten Grund.

Das Gewissen: "eine Art Eruption der Eigentlichkeit des Selbst", wie das Niklas Luhmann genannt hat, "die man nur mit staunender Toleranz zur Kenntnis nehmen und respektieren, aber inhaltlich nicht überprüfen kann"? Die Berufung auf das Gewissen kommt jedenfalls in den Verdacht, für sich Entscheidungsfreiheit jenseits der unmittelbaren Nachprüfbarkeit der Entscheidungsgründe zu fordern. Vieles wird dann unplanbar und unvorhersehbar. Das Gewissen ist auch in dieser Hinsicht eine Last.

Es gibt zwei Möglichkeiten, sich von dieser Merkwürdigkeit eines Gewissens zu befreien, das uneinsehbar und unüberschaubar plötzlich seine Ansprüche geltend macht – und dies sogar in der Politik. Beide Varianten reduzieren, wenn auch auf entgegengesetzte Art und Weise, das Gewissen zu einer unbedeutenden Restgröße. Den einen gilt es als bloßes Ausführungsorgan vorgegebener Wahrheiten, als Ort der Einsicht in eine objektive Sittenordnung. Das Gewissen sei dazu da, um zu tun, was gut ist – so weit ist dies auch noch durchaus unumstritten. Was aber im konkreten Fall sittlich gut ist, das kann, so wird dann weiter gesagt, immer und überall von den dazu Berufenen objektiv festgestellt und dem Gewissen vorgelegt werden. Wer diese Berufenen sind, ist nun allerdings in der pluralistischen Gesellschaft alles andere als unstrittig. Das Gewissen wird hier letztlich überflüssig; es hat Weisungen entgegenzunehmen, kaum mehr. Allein schon die Berufung auf das Gewissen erscheint als Akt unerlaubter Widersetzlichkeit.

Der andere Ausweg ist schlichter – und kommt doch mit seinem Gegenspieler in der Unterschätzung des Gewissens überein. Denn auch hier wird unterstellt, was dort geglaubt wird: Das Gewissen entbehrt jedes Wahrheitsbezugs, ist eine Instanz der puren Dezision, ist subjektive Willkür und blindes Gefühl. Nur: Wogegen die einen mit einer strikten Gehorsamsmoral angehen, das wird von den anderen als glückliche Notwendigkeit des nachmetaphysischen Zeitalters begrüßt, um nun allerdings in seinen politischen Auswirkungen gleich wieder gedämpft zu werden. Man neigt auch hier dazu, möglichst wenige politische Entscheidungen zu "Gewissensentscheidungen" zu erklären; zu sehr fürchtet man dann doch die Entscheidungsanarchie eines jetzt völlig bindungslos gedachten Gewissens.

Will man diese beiden Varianten einer nur mühsam versteckten Gewissensunterschätzung vermeiden, gilt es drei Fragen zu erörtern: Wie verhält sich das Gewissen zur Wahrheit, wie zur eigenen Identität und wie zum Gewissen der anderen?

Das Gewissen kann irren. Es kann Entscheidungen treffen, die sich im nachhinein als offenkundig unvertretbar herausstellen. Weder die Feststellung der entscheidungsrelevanten Tatsachen noch die Anwendung der Entscheidungsprinzipien sind unfehlbar. Das Gewissen ist kein leicht zu begehender Königsweg zu stets einwandfreien Entscheidungen, es hat keinen privilegierten Zugang zur sittlichen Wahrheit. In der Sprache der Ethik: Nicht alles, was vom einzelnen nach bestem Wissen und Gewissen entschieden wird und deswegen sittlich gut ist, ist auch schon sittlich richtig. Zweifel und Irrtum bleiben möglich.