Von Fredy Gsteiger

Wien

Beide waren hohe Offiziere der irakischen Armee. Beide wurden von Freunden unter hohem Risiko nach London geschleust, nachdem sie im Irak plötzlich schwer erkrankt waren. Und beide sind knapp dem Tod entronnen. Abdallah Abdelatif und Abdel Karim al-Masdiwi mochten nicht mehr unter dem Banner Saddam Husseins dienen. Ihre Fahnenflucht hätten sie beinahe mit dem Leben bezahlt. Rapider Haarausfall und nervöses Zittern waren die Symptome. Die Londoner Ärzte diagnostizierten Thallium-Vergiftung. Schon früher gebrauchte der irakische Diktator dieses Mittel gegen störende Zeitgenossen. Auch nach der Niederlage im Golfkrieg läßt die Katze das Mausen nicht.

Als sich vorige Woche in Wien die bunte Schar der irakischen Oppositionsführer traf – von kurdischen Peschmergas mit breiten Schnurrbärten und grau-grünem Kampfanzug über schiitische Geistliche mit Turbanen und braunen Roben bis zu Geschäftsleuten in blauen Zweireihern und Intellektuellen in Jeans und offenem Hemd – bestand in einem Punkt Einigkeit: Die Lage in ihrer Heimat hat sich seit dem Ende des Krieges noch verschlimmert. Von einem Alptraum, der Tag und Nacht andauert, spricht der Bestsellerautor Samir al-Khalil: "Ein Grauen ohne Ende." Seit dem Ende der Operation Wüstensturm hat Saddam ein Mehrfaches an Menschen getötet, als in den Wochen des Krieges umgekommen waren.

Das Sterben im Status quo

Doch für die große Welt ist das Sterben im Irak kein Thema mehr. Nur ein paar Dutzend Journalisten wohnten in Wien der Bildung eines irakischen Nationalkongresses bei. Aus ihm soll später eine Gegenregierung zu Saddams Regime hervorgehen. So verhallte der Hilferuf von Laith Kubba, dem Koordinator der unzähligen irakischen Oppositionsströmungen, weitgehend ungehört: "Ohne die Unterstützung der Welt können wir zur Zeit wenig erreichen." George Bush kann mit dem Status quo leben. Die Iraker hingegen müssen beim Status quo weiter sterben. Ein irakischer Anwalt, der im Londoner Exil lebt, bemerkt bitter: "Saddam war nie unser Freund – aber eurer im Westen."

Saddams Mythos als selbsternannter Sieger im Golfkrieg ist zwar verblaßt. "Die Tage des Tyrannen sind gezählt", meint daher Samir al-Khalil: "Aber vielleicht werden wir noch lange zählen müssen." Wenngleich sein Regime von innen verfault, halten sich Saddam und jener innere Kreis, der mit dem Diktator hinweggefegt würde, mit Klauen und Zähnen an der Macht. Geschickt hat Saddam Hussein dafür gesorgt, daß unzählige Helfer Blut an den Händen haben. Er hat das in Protokollen und Filmaufnahmen dokumentieren lassen, damit sich später keiner herausreden kann. In immer rascherer Folge werden Minister ausgewechselt, finden in der Armeespitze Säuberungen statt. Saddams Sohn Udai, der als Vorsitzender des Journalistenverbandes den Medien noch straffere Zügel anlegen soll, tut dies in bewährter Manier mit Zuckerbrot und Peitsche. "Der großzügige Führer und Präsident", so verkündete er kürzlich, "stellt allen Journalisten Boden für den Hausbau zur Verfügung und erhöht ihre Gehälter um 25 Prozent." Die damit verbundenen Ziele: Schutz und Erhaltung der Redefreiheit sowie Beobachtung und Beseitigung "ungesunder Erscheinungen". Was das im Irak bedeutet, läßt sich unschwer ausmalen.