Von Theo Sommer

Die irische Volksabstimmung – 69 Prozent für den Maastrichter Vertrag über die Europäische Union – hat fürs erste die Epidemie der Kleinmütigkeit gestoppt, die nach dem dänischen Nein durch Europa fegte. Die positiven Voten der beiden französischen Kammern haben den Horizont weiter aufgehellt. Bei ihrem Lissabonner Gipfel müssen die EG-Staatsmänner Ende dieser Woche jedenfalls nicht mehr düster in den Abgrund starren; ihr Blick darf sich auf den Silberstreif am Himmel richten. Maastricht hat wieder eine Chance.

Im ersten Schock nach dem Nein aus Kopenhagen wurden drei ganz verschiedene Holzhackermethoden angepriesen: Weg mit Delors; weg mit Maastricht; weg mit den Dänen. Davon ist nicht mehr die Rede.

Delors’ Amtszeit wird, wenn er will, in Lissabon um weitere zwei Jahre verlängert werden. Alles andere wäre auch grober Undank gegenüber einem Manne, der die Europäische Gemeinschaft Mitte der achtziger Jahre aus Depression und Sklerose herausgeführt hat. Sein Projekt 1992, das von ihm anstelle des jährlichen Kuhhandels eingeführte Fünfjahresbudget, der Anstoß zur Währungsunion, die Eröffnung einer "sozialen Dimension" für die EG-Europäer – die Summe seiner verwirklichten Impulse hebt ihn über all seine Vorgänger hinaus. Und wo Delors zentralistische Machtversessenheit vorgeworfen werden könnte, da hat er seit dem Kopenhagener Kanonenschlag kräftig zurückgesteckt.

Weg mit Maastricht aber? Kein Verständiger denkt daran. Das Paket hat gewiß Mängel – aber sie werden ganz verschieden empfunden. Den Europhoben paßt die ganze Richtung nicht; den Euroskeptikern bringt der Vertrag viel zuviel Integration; den Europhilen bietet er nicht genug davon. Was den einen das höchste der Gefühle, ist den anderen allenfalls ein Etappenziel. Maastricht ist der größte heute erreichbare Nenner. Wer mehr fordert, wird angesichts der Stimmung am Ende weniger in der Hand halten. Wer sich jetzt aber mit weniger zufriedengeben will, der bricht den Schwung, den Europa auf dem Weg in die Zukunft braucht.

Schließlich: Weg mit den Dänen? Es ist nicht einzusehen, warum. Die dänischen Wahlbürger haben sich ihren Ärger per Stimmzettel vom Halse geschafft: weil sie – wie alle anderen außer den Engländern – vor Maastricht nicht von ihrer Regierung ins Bild gesetzt wurden; weil ihnen der "Moloch Brüssel" unheimlich war; weil ihnen zudem die europäischen Entscheidungsprozesse undurchsichtig erschienen. Ihr hauchdünnes Nein galt dem Europa, das sich, weitab von den Völkern, hinter verschlossenen Türen verschanzt. Es drückte ein Unbehagen aus, das auch anderwärts grassiert. Wird hier Remedur geschaffen, werden nicht nur die Dänen zu gewinnen sein.

Wie ließe sich Remedur schaffen – möglichst so bald, daß die Dänen ihr Referendum rechtzeitig revidieren können? Vier Wege bieten sich an.