Richard von Weizsäcker hat, was ihn schwerlich überrascht, mit seiner Kritik an den Auswüchsen des Parteienstaats eine politische Debatte entfacht. Die ersten Reaktionen aus Politik, Wissenschaft und Medien reichen von vorsichtiger Zustimmung über differenzierten Widerspruch bis zu empörter Kritik; vom Rand her gab es auch Rücktrittsforderungen. Nicht überraschend die von manchen aufgeworfene Frage: Darf er das?

Souverän reagierte die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Herta Däubler-Gmelin. Im Kölner Express forderte sie eine Debatte des Bundestags über die Überlegungen und Vorwürfe des Bundespräsidenten: „Das muß sachlich, gründlich vorbereitet und außerhalb der üblichen Bonner Hektik sein.“ Sie kritisierte die abwehrende Haltung, die vor allem aus der Union komme, „aber vereinzelt auch von Mitgliedern der SPD“.

Die Forderung nach einer Bundestagsdebatte wurde vom FDP-Bundestagsabgeordneten Wolfgang Lüder unterstützt: „Wenn die Parteiführungen sich einer öffentlichen Debatte im Bundestag entziehen möchten, würden sie das grobe Bild von der Übermacht der Parteien nur bestätigen.“

Der frühere SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz sagte in der Sonntags-FAZ: „Der Kern der Kritik des Bundespräsidenten, daß sozusagen alles von der ‚Kungelei‘ der Parteien, von ihrem Manövrieren in irgendwelchen Koalitionsausschüssen entschieden wird, ist richtig. Das erzeugt auf Dauer eine Parteiverdrossenheit, die wir nicht aushalten werden. Wir brauchen also die Chance des Volkes, diesen Koalitions-Parteien-Absprachen in den Arm zu fallen – durch Volksbegehren und Volksentscheid. Ich bin auch dafür, den Bundespräsidenten vom Volk wählen zu lassen.“

Skeptisch hat sich auch der stellvertretende SPD-Vorsitzende Johannes Rau geäußert. Der Bundespräsident habe gewiß das Recht, harte Worte zu wählen. Aber, so Rau im WDR, „ich finde die Urteile nicht gerecht, die er abgibt“. Es gebe nun einmal in allen Parteien „eine Fülle von Leuten, die in der Politik nicht machtversessen, nicht machtvergessen sind, sondern die viel, viel mehr tun, als es ihre Pflicht ist, als ihnen zuzumuten wäre. Und wir brauchen diese Leute auch.

Ohne auf die Parteienkritik Weizsäckers direkt einzugehen, äußerte sich Bundesaußenminister Klaus Kinkel (FDP) zum Thema Glaubwürdigkeit ähnlich wie der Bundespräsident: „Die Bürger haben die ewigen Streitereien, Skandale, Affären, Mauscheleien und den Parteienfilz satt, ebenso wird reines Polit-Management abgelehnt. Politik darf nicht in einfachem Sich-treiben-Lassen bestehen. Es muß vorausgedacht, vorhergesehen werden ... Der Eindruck ist nicht ganz falsch, daß Politik nicht mehr den nötigen Bodenkontakt hat, daß Politiker nicht mehr wissen, was die Menschen bewegt. Der Zugang zu den Problemen und den Lebenswelten bestimmter Bevölkerungsgruppen scheint verlorengegangen zu sein.“

In der Union überwiegen Skepsis und Ablehnung. Den stärksten Zuspruch erhielt Weizsäcker vom stellvertretenden CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Heiner Geißler. Man solle „jetzt nicht aufheulen, sondern überlegen, ob da nicht ein Quentchen Wahrheit drin steckt in dem, was er gesagt, hat“, sagte Geißler im Deutschlandfunk. Er habe nichts gegen eine profunde Diskussion über die politischen Parteien. „Dann werden sie auch wieder interessanter.“