Daß noch vor ... zehn Jahren ein Doktorand der katholischen Theologie mit finanzieller Unterstützung der Amtskirche seine Dissertation mit dem Titel „Sind Frauen Menschen?“ veröffentlichen durfte, kommentierte die Psychologin Ursula Neumann mit der Feststellung, daß die Katholische Kirche nach wie vor die „Sünde der Frauenverachtung“ predige ... Als sie Kardinal Josef Ratzinger zitierte, kam ... Heiterkeit auf: „Von allen Geheimnissen der Liebeslust gibt es keines, das dem gemeinsamen Gebet gleichkommt.“

Klaus-Peter Klingelschmitt: Katholikinnentag von unten, taz vom 22. Juni 1992

Gymnasiumstraße 15: der „Sagen-Schwab“

Immer will er raus aus Stuttgart. Immer holt ihn sein Schwabenland heim. Der Junglehrer wandert in den Osterferien 1821 mit seinen Schülern in der Pfalz, da bringt ein Bote die Nachricht vom Tode des Vaters. 1828, da ist aus dem Pädagogen schon ein Poet geworden, ist er auf dem Weg zu einer Rheinfahrt nach Köln. In Heidelberg erreicht ihn eine Todesbotschaft: Königin Mathilde von Württemberg gestorben. Der Hof bittet den schriftstellernden Theologen um eine Lebensbeschreibung der erlauchten Toten für die Trauerfeier. Wagt der am 19. Juni 1792 geborene Stuttgarter sich noch nach Heidelberg? Im Spätherbst 1840 ist der inzwischen berühmte Mann („ein Hering in Vergleichung mit den anderen, die nur Sardellen sind“, Heine) mit der ältesten Tochter, dem jüngsten Sohn wieder auf einer Reise aus der pietistischen Enge Württembergs in die lebenssatteren Weiten von Mosel und Rhein, da stirbt ihm der zehnjährige Ludwig am Nervenfieber in Heidelberg und wird dort begraben. Mit Heidelberg – das wird wohl nichts. Als die Revolution 1848 scheitert, erwägt der große Wanderer und vielreisende Schwabe mit dem Familiennamen Schwab, der ein kernfester Konservativer ist, ein paar Nächte lang die Auswanderung nach New York, wo einer der Söhne in einer Drogerie selbstgedrehte Pillen in Dollars verwandelt. Aber brav bleibt er immer zu Haus, der am 4. November 1850 gestorbene Gustav Benjamin Schwab, in der Wohnung mit der für diesen Schulmann und Reformpädagogen und Übersetzer und Bücherwurm trefflichen Anschrift: Gymnasiumstraße 15. Der Mann muß einen 35-Stunden-Tag gehabt haben: Wie anders hätte er neben all den Schul- und Kirchenämtern noch als Kritiker, Lektor, Dichter, Erzähler die Feder führen können. Einmal wird’s auch ihm zuviel: Er läßt sich versetzen als Seelsorger nach Gomaringen am Rand der Schwäbischen Alb, nah bei Tübingen. Dort besucht den hochgebildeten Landpfarrer, der natürlich schon wieder Gutachten für ein neues Kirchengesangbuch ausfertigt und nebenher Aug’ und Ohr für die junge Literatur hat, Nikolaus Lenau und lobt nicht nur „Spargel und Spätzle“, sondern auch den „in echtester Sorte verabreichten schwäbischen Dialekt“ des Hausvaters. Der schreibt damals an dem Buch, mit dem er bis heute überlebt, an den von ihm bearbeiteten, auch „gereinigten“, doch in ein überschaubares Erzähl-System gebrachten „Sagen des klassischen Altertums“. Wo können wir diesen manchmal etwas ledernen Lehrmeister, doch begeisternden Aufklärer kennenlernen? In einer großen Ausstellung im Schiller-Nationalmuseum in Marbach am Neckar (bis zum 13. September) und in einem ganz im Stil der Zeit mit Schattenrissen, Bildern und Vignetten gezierten, kostbaren Katalog (Marbacher Magazin, 61/1992; 96 Seiten, 70 zum Teil farbige Abbildungen; 10 Mark).

Berlin und seine Opern

Auch wenn sie hartnäckig dementiert werden: An Gerüchten pflegt stets ein klein wenig Wahrheit zu kleben. So ist denn auch trotz spontaner Abwieglungsmanöver durch den Berliner Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen („Unsinn“) nicht aus der Welt geschafft, daß die beiden Großkoalitionäre CDU (Gesundheitssenator Luther) wie SPD (Fraktionschef Momper, Wirtschaftssenator Meisner und Jugendsenator Krüger) bei den „Diskussionen über das zu erwartende Defizit und Einsparungsmöglichkeiten“ die Schließung der Deutschen Oper „erwogen“ haben. Das Problem ist ja so neu nicht: Schon gegen Ende der zwanziger Jahre mußten sich die Politiker mit der Frage beschäftigen, wieviel Oper(n) Berlin brauche. Unser seliger Adolf löste das Problem auf seine Weise, und die Nachkriegssituation bescherte den wohlständischen Westberlinern die künstlerische Dominanz im neuen Haus an der Bismarckstraße (zur Zeit 80 Mio Zuschuß). Wie über so vieles andere machten sich die Einigungsverträgler auch über die Komplikation der Kosten wie der Finanzierungslasten des Berliner Musiktheaters nicht die geringsten Vorstellungen. Aber dann mußten/wollten/konnten die Prestigedenker der neuen/alten Hauptstadt immerhin der Staatsoper Unter den Linden ein Luxusgeschenk mit einer sauteuren Intendanz und einer konkurrenzfähigen Alimentierung (60 Mio) zuschustern – jetzt stimmt die Rechnung weder finanziell noch künstlerisch. Daß Deutsche-Oper-Intendant Götz Friedrich gar noch höheren Bedarf anmeldete, soll er nun büßen. Jeder Appell an die Vernunft, nicht die Zahl (Nr. 3 die Komische Oper, 40 Mio), sondern die Struktur der Häuser zu diskutieren, etwa den drei Theatern unter einer Generalintendanz unterschiedliche Aufgaben zu stellen und damit einer modernen Bühnenpraxis zu entsprechen, scheiterte am Solipsismus der beteiligten Protagonisten. Wenn denn nun schon etwas geschlossen werden muß: Vielleicht fangen wir beim in musikalischen Dingen konzeptionslosesten Institut an – dem des Kultursenators.