So ist es normal: Ein Mißstand ist erkannt, Abhilfe soll geschaffen werden. Aber wenn es darum geht, Worte in Werke zu verwandeln, sucht jeder hinter dem Rücken des anderen Deckung. Änderungen sind unbequem. Nach diesem alten Muster scheitert die Studienreform schon seit einer halben Ewigkeit.

So war es auch in Hamburg. Die kostspieligen Mißstände in der Juristenausbildung kannte in und außerhalb der Universität jeder. Wer in der Hansestadt Jurist werden will, muß mit zehn Ausbildungsjahren rechnen. Im Schnitt hat er die Dreißig überschritten, wenn er das zweite Staatsexamen ablegt. Im Vergleich zu anderen Bundesländern liegt Hamburg bei der Studiendauer im oberen Drittel. Von den zehn Jahren sind sechs die übliche Studiendauer. Zweieinhalb Jahre dauert das Referendariat, der Rest sind Prüfungszeiten von unzumutbarer Länge.

Bis jemand die erste juristische Staatsprüfung abgelegt hat, vergehen von der Anmeldung bis zum Abschluß des Examens in der Regel sieben Monate. Wer ein Referendariat anschließen will, muß im Schnitt elf Monate warten, bis ein Platz frei wird. Für das Zweite Staatsexamen werden neun Monate veranschlagt.

Die Länge der Verfahren erschöpft nicht nur die Prüfungskapazitäten der Justizbehörde; sie läßt auch befürchten, daß den jungen Juristen auf dem europäischen Markt Wettbewerbsnachteile entstehen. Englische und französische Juristen sind vier bis fünf Jahre jünger, wenn sie sich um ihren ersten Arbeitsplatz bewerben. Außerdem wissen sie im europäischen Recht besser Bescheid, ein Wissenszweig, der in der juristischen Ausbildung hierzulande zu kurz kommt.

Ungewöhnlich ist nun, daß es in Hamburg nicht mehr so weitergehen soll. Dafür sorgen zwei Politikerinnen, die beherzt in das Trauerspiel eingriffen: Justizsenatorin Lore Peschel-Gutzeit, SPD, und vorher Vorsitzende Richterin am Oberlandesgericht Hamburg, und ihre Staatsrätin Barbara Bludau-Krebs, FDP, eine Verwaltungsjuristin, die schon von sich reden machte, als sie noch Polizeivizepräsidentin von Köln war. Initiativ konnten die beiden werden, weil die Justizbehörde für die Prüfungsordnungen der Juristen verantwortlich ist. Damit haben sie einen Hebel in der Hand, den ihre Vorgänger erst gar nicht in Bewegung setzten.

Als Anreiz, das Studium zu verkürzen und die Angst vor der Prüfung zu mildern, wollen die beiden Damen den inzwischen auch in anderen Bundesländern praktizierten "Freischuß" einführen: Wer sich genug zutraut, kann sich schon nach acht Semestern zur Prüfung anmelden. Fällt er durch, bleibt das folgenlos für die Beurteilung beim nächsten Prüfungsverfahren. Bayern hat den Freischuß schon vor drei Jahren eingeführt, mit erfreulichem Erfolg. Allerdings müssen die bayerischen Professoren auch keine Hausarbeiten mehr nachsehen. Bei ihnen werden fürs Staatsexamen nur noch – wesentlich einfacher zu beurteilende – Klausuren geschrieben. Dazu konnten sich die Hamburger Professoren noch nicht durchringen. Eine Mehrheit von ihnen besteht auf der schriftlichen Hausarbeit als Beweis dafür, daß wissenschaftliche Arbeit ihren Sinn hat. Korrigieren aber wollen sie diese Arbeiten dann nicht. Das Prüfungsamt hat die größten Schwierigkeiten, genügend Prüfer zu gewinnen. In der reformierten Prüfungsordnung steht deshalb eine Klausel, wonach für eine Übergangszeit von drei Jahren auch Praktiker (Staatsanwälte, Richter, Verwaltungsjuristen) die Hausarbeiten nachsehen dürfen.

Das ist kein Grund für die Professoren, stolz auf sich zu sein. Sie entmündigen sich selber. Auch der Autonomie der Universität haben sie keinen Dienst getan. An den beiden couragierten Politikerinnen liegt das nicht. Sie haben nur gezeigt, daß es auch einen Weg gibt, wenn nur der Wille vorhanden ist. Nina Grunenberg