Blut, das war dann nur mehr Geld – Seite 1

Von Joachim Fritz-Vannahme

Ludovic wird sterben. Der Siebzehnjährige weiß das, und er weiß auch, daß der Aids-Tod vermutlich schneller sein wird als die französische Justiz. Für den Weg in den Verhandlungssaal im Pariser Justizpalast ist der Schüler schon zu schwach. Unerträglich ist ihm die Vorstellung, dort vor der 16. Strafkammer jenem Mann gegenüberzusitzen, dem er und Tausende von Blutern und Blutempfängern in Frankreich die Schuld an ihrem sicheren Ende geben: Michel Garetta, der von 1984 bis 1991 das staatliche Transfusionszentrum leitete, das Centre national de la transfusion sanguine (CNTS).

Zum ersten Verhandlungstag erscheint der Angeklagte, mit seinem mächtigen Schnauzbart und seiner gepflegten Virilität ein Südfranzose wie aus dem Bilderbuch, im dunklen Zweireiher – und mit der Rosette der Ehrenlegion am Revers. Die hohe Auszeichnung empfing Michel Garetta 1989 vom französischen Präsidenten François Mitterrand, als zumindest die Verantwortlichen und Eingeweihten längst wußten, welcher Skandal diesen Mann bedrohte. Die rote Rosette sticht im Gerichtssaal jedem wie ein Blutfleck ins Auge.

Neben Michel Garetta sind drei Mediziner angeklagt, vom Juni 1983 an wissentlich aidsverseuchte Blutkonserven an Bluter und andere Patienten geliefert zu haben. Dem Leiter des CNTS und seinem Stellvertreter Jean-Pierre Allain, heute Lehrstuhlinhaber für Hämatologie an der Universität Cambridge, wirft die Anklage insbesondere vor, am 26. Juni 1985 Anweisung gegeben zu haben, die infizierten Konserven "bis zur Leerung der Lager" an Krankenhäuser und Fachärzte weiterzureichen. Professor Jacques Roux, damals Generaldirektor für Gesundheit im Sozialministerium, und Doktor Robert Netter, damals Leiter des staatlichen Laboratoire national de la santé, müssen dem Gericht erklären, warum sie vom März 1985 an wider besseren Wissens über die infizierten Konserven Stillschweigen wahrten. Diese Konserven haben bereits über 250 Menschen das Leben gekostet, über 1200 Bluter wurden durch das rettende Blut mit dem Aids-Virus angesteckt.

Kein Prozeß um windige Parteienfinanzierung, kein Verfahren gegen Terroristen und Bombenleger erregt die Franzosen so sehr wie diese Anklage gegen vier Verantwortliche des staatlichen Gesundheitswesens. Entsetzt hat die Franzosen schon der Skandal an sich. Und empört hat sie dann seine juristische Aufarbeitung: Die Staatsanwaltschaft ermittelte nicht etwa aus eigenem Antrieb oder auf Weisung der Behörden, sondern rührte sich erst, als fünf junge Bluter in den Archiven des Gesundheitsministeriums selbst nach den Schuldigen fahndeten. Ihr Anwalt fürchtete aufgrund der schwierigen Beweislage, daß ein Verfahren vor einem Schwurgericht wenig Aussicht hätte. Denn dort müßte ein Verbrechen nachgewiesen werden, dort würde das Schicksal der Opfer womöglich hinter einem Schleier aus Expertise und Gegenexpertise verschwinden.

So geht es vor der 16. Strafkammer von Paris nur um ein mögliches Vergehen der Angeklagten. Garetta, Allain, Roux und Netter droht eine Gefängnisstrafe zwischen sechs Monaten und fünf Jahren und eine Geldstrafe von höchstens 150 000 Mark. Eine kalte Wut überkommt die Opfer, diese lebenden Toten, die sich im viel zu kleinen Saal auf den hinteren Bänken drängen, wo gegen die vier Angeklagten allein wegen unterlassener Hilfeleistung und "Weitergabe einer verdorbenen Ware" verhandelt wird.

"Ist denn Blut eine Ware?" empört sich vor Gericht die junge Anwältin Sabine Paugam, die einen Schriftsteller vertritt, der sein Leiden mit schwankendem Schritt die endlosen Treppen des Justizpalastes emporschleppt. "Glauben Sie denn im Ernst, daß das Gesetz von 1905 hier das richtige ist?" ruft Sabine Paugam zornig: "Nein, dieses Gesetz wurde für Senf oder Joghurt gemacht. In dieser Affäre gab es nicht einmal eine Inhaftierung, ja, es gab nicht einmal eine vorübergehende Festnahme. Der Gendarm mußte sich für seine Untersuchung selbst auf den Weg machen, um diese unwürdigen Mediziner zu vernehmen. Jahre verstrichen, ehe Anklage erhoben wurde."

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Was ist das für eine Justiz, die mit ängstlichem Seitenblick auf den Korpsgeist der Ärzte von vorneherein fürchtet, ihre Urteilskraft im Kreuzfeuer der Gutachter untergehen zu sehen? Auf der Anklagebank wäre im übrigen noch Platz. Dort müßten eigentlich auch die politisch Verantwortlichen sitzen, jedenfalls nach dem Gefühl der Franzosen: Georgina Dufoix zum Beispiel, die damals Sozialministerin war, und ihr sozialistischer Parteifreund und Staatssekretär für das Gesundheitswesen, Edmond Hervé, und wahrscheinlich auch Premierminister Laurent Fabius. Sein persönlicher Berater, François Gros, einer der bekanntesten Koryphäen des Landes und ehemals Leiter des ehrwürdigen Institut Pasteur, verschob am 9. Mai 1985 in Vertretung des Regierungschefs die Aids-Regelprüfung von Blutspenden – offenbar weil zu jenem Zeitpunkt nur ein amerikanischer und noch kein französischer Test greifbar war.

Sie alle sind in diesem Verfahren nur als Zeugen aufgerufen. Georgina Dufoix erklärte sich, als der Skandal vor anderthalb Jahren in die Schlagzeilen kam, für "verantwortlich, aber nicht für schuldig". Über so viel Sinn für feine Unterschiede mag sich jeder seine Meinung bilden, ein Urteil darüber fällen kann nur der Haute Cour de Justice, der allein für Amtsdelikte von Politikern zuständig ist. Doch seine Einberufung fordert selbst die bürgerliche Opposition nicht, aus Angst, daß diesem Verfahren andere folgen könnten, bei denen nicht immer nur linke Minister unter Anklage stünden.

Eine Schuld wollen die Verteidiger der Angeklagten, aber auch die Anwälte der Opfer gleichwohl den Politikern nachweisen. Vielleicht ist ein Gutteil der Schuld wirklich dort zu suchen, in den Kabinetten, deren Stille jahrelang den Skandal einschloß, auf den Ministertischen, wo die abwiegelnden Kommuniqués und die beleidigten Dementis verfaßt wurden.

Ein Fehler im System, entschuldigen sich die betroffenen Minister. Nein, das System war der Fehler: Garettas CNTS stellte damals eine Ware her, die aus dem Ausland preiswerter und gefahrenfreier einzuführen war. Monate kostbarer Zeit wurden vergeudet, nur um der französischen Blutindustrie ihre Marktanteile im Wettbewerb gegen amerikanische Konkurrenten zu garantieren. Und dann ging es ja nicht einfach nur um Blut, es ging um Aids: Den Erreger der Immunschwäche hatte der Franzose Luc Montagier 1983 zuerst entdeckt, was ihm über lange Jahre sein amerikanischer Kollege und Konkurrent Robert Gallo streitig machte. Gallo hatte dann die Nase beim ersten Aids-Test vorn. Ausländische Firmen boten den französischen Verantwortlichen damals ihre Verfahren an und warnten vor allem, daß nur ein Erhitzen den Virus im Spenderblut abtöten könne. Den Import von Blutkonserven aber kontrollierte das Transfusionszentrum CNTS, zugleich der einzige Produzent auf dem Binnenmarkt.

Michel Garetta hatte aus der etwas angestaubten Institution eine umtriebige Holding gemacht und damit jenen Wettbewerbseifer zur Maxime erhoben, den die Regierung von Laurent Fabius predigte. Garetta agierte im nationalen Interesse, ging es doch ums Prestige im Wettlauf mit den Amerikanern. Ob denn Blut eine Ware sei, wunderte sich die Anwältin Paugam: Blutspender werden in Frankreich nicht bezahlt, ihr Aderlaß wird als Bürgerdienst an der Volksgesundheit verstanden. Plötzlich aber wurde der Bürgersinn gepaart mit dem pekuniären Ehrgeiz einer angeblich neutralen Institution, mit einem Male führten Protektionismus und Profilsucht auf makabere Weise die Geschäfte und setzten die Gesundheit vieler Menschen aufs Spiel.

Der Mann mit dem Schnauzbart und der blutroten Rosette verkörpert diesen neuen Geschäftssinn wie kein anderer. Michel Garetta verdiente zum Zeitpunkt seiner Kündigung im Juni 1991 rund 25 000 Mark im Monat, mehr als sein zuständiger Minister. Als wäre er selbst ein Opfer der Affäre, erhielt er zu seinem Abgang eine Abfindung von über 880 000 Mark – und dazu noch die Garantie, daß sein einstiger Arbeitgeber für alle Anwaltskosten und Regreßansprüche aufkommt. Garetta mag ein Zyniker sein oder inkompetent, mag aus Vorsatz oder aus Fahrlässigkeit gehandelt haben – so viel Geschäftssinn im Gesundheitswesen ist an sich schon ein Skandal. Doch dieser Manager schrieb sich seinen Gehaltszettel nicht selbst, das war Sache des Ministeriums. Garetta steckte sich auch die Rosette der Ehrenlegion nicht allein ans Revers. Gestern war dieser Mann den verantwortlichen, aber nicht schuldigen Politikern ein willkommener Star, heute ist er ihnen als Sündenbock nicht weniger nützlich.

Der attraktive 48jährige Garetta zieht von selbst aller Neugier und Abscheu auf sich. Seine Mitangeklagten wirken neben diesem Mannsbild wie die braven Familienväter und Biedermänner, die sie auch sind. Morddrohungen erhielt bislang allein Michel Garetta. Auch am nächsten Verhandlungstag wird ihn wieder eine Polizeieskorte auf verschlungenen Wegen durch die römischen Keller des Justizpalastes vor seinen Richter führen. Dort vorne, zwischen den getäfelten Pulten und Tribünen, wird die Justiz dann weiter ihren Lauf nehmen. Und auf den hinteren Bänken drängen sich die Opfer im Wartesaal des Todes.