Von Marion Gräfin Dönhoff

Königsberg

Nun steht Immanuel Kant endlich wieder auf seinem angestammten Sockel vor der Universität in Königsberg. In der vorigen Woche haben wir, die Deutschen, ihn dorthin gebracht, und sie, die Russen, haben ihn dann anderntags auf den inzwischen wiedergefundenen Sockel gehievt.

Es war ein richtiges Volksfest, heiter und beschwingt; Eine bunte Menschenmenge – Alte und Junge, Russen und Deutsche – wogte ungezwungen und fröhlich durcheinander. Unvorhergesehen groß war die Freude der Führung des Gebietes. Der Chef, Jurij Matochkin, nannte es mehrfach einen historischen Tag, und die Bürger zeigten in bewegender Weise ihre Dankbarkeit.

Noch vor einem Jahr sah die Fassade der Universität schäbig aus, und der Platz davor war grau und verkommen. Jetzt erstrahlt alles in neuem Glanz: die Universität frisch gestrichen, der Platz neu gestaltet, mit Rasenflächen zwischen den sauber angelegten Wegen.

Auch in der Politik hat eine Veränderung stattgefunden. Türen und Fenster sind weit geöffnet. Jurij Matochkin sagt: "Die Entwicklung zur offenen Handelszone muß vorangetrieben werden, jeder ist willkommen. Es gibt nur eine Bedingung: Es darf nicht vergessen werden, daß dies russisches Gebiet ist."

Die Antwort von deutscher Seite: "Das ist wirklich jedermann klar, und niemand wird dies vergessen. Aber wie steht es mit der Währung? Viele Firmen und Geschäftsleute werden sich scheuen, in ein Rubelgebiet zu investieren."

Darauf die Russen: "Erstens hat Jelzin in Aussicht gestellt, daß im Laufe eines Jahres der Rubel im Innenverhältnis konvertierbar sein wird" – schweigende Skepsis auf deutscher Seite – "und zweitens könnte man sich in unserem Gebiet doch auch eine Währung ähnlich dem Hongkong-Dollar vorstellen" (freudiges Staunen auf deutscher Seite).

In vielen Gesprächen wird deutlich, daß große Erwartungen auf die Deutschen gesetzt werden: "Wann", so fragt der Chef ungeduldig, "kommt denn nun endlich ein deutsches Konsulat nach Kaliningrad? Wir warten schon lange darauf." Die Vorbereitungen für das polnische Konsulat sind bereits abgeschlossen.

Es gibt mittlerweile 150 freilich meist kleine Joint-ventures in Kaliningrad, woran Deutsche und Polen zu etwa gleichen Teilen beteiligt sind. Auch die Amerikaner sind nicht uninteressiert, sie wollen ein Hotel bauen.

Janusz Reiter, der Botschafter Polens in Bonn, war bei den Feierlichkeiten zugegen. Er legte besonderen Wert darauf, daß die Grenzeinrichtungen zwischen Deutschland und Polen, desgleichen zwischen Kaliningrad und Polen verbessert werden. Wenn die EG diese Modernisierung aus dem Regionalfonds finanzierte, würde dies, so meinte er, der Dreierbeziehung sehr gut tun. Dann würden endlich die langen Wartezeiten an der Grenze ein Ende haben.

Als sie auf solche Weise an den Verkehr erinnert wurden, mag bei den Russen nicht ohne Ärger die Frage aufgekommen sein, warum denn die Polen sich nicht zu dem Projekt Autobahn Kaliningrad-Berlin äußern. Die Russen haben mit dem Ausbau bereits begonnen, aber die Nachbarn hüllen sich in Schweigen. Die Frage wurde auch hier nicht diskutiert, aber im Privatgespräch spürte man eine gewisse Verstimmung.

Die Freude und Genugtuung über die Rückkehr Kants ist vielleicht verständlich, denn Immanuel Kant war ja fast ein halbes Jahrhundert abwesend. Mag sein, daß seine Rückkehr nun als das Ende der strengen Isolierung aufgefaßt wird, die der Status als militärisches Sperrgebiet mit sich brachte. Wo die Kant-Statue inzwischen gewesen ist? Um diese Frage zu beantworten, muß ich kurz die Geschichte dieses Denkmals erzählen.

Eines Tages gegen Ende des Krieges, wohl im Herbst 1944, rief jemand aus der Stadtverwaltung bei mir in Friedrichstein – zwanzig Kilometer östlich von Königsberg – an und sagte, man habe große Sorge, weil das wertvolle Denkmal von Christian Rauch den Bomben ausgesetzt sei. Könnte man es nicht bei uns in Sicherheit bringen?

Weltbürger aus Ostpreußen

Ich suchte im Park einen Platz aus, wo es gut geschützt unsichtbar unter einer Baumgruppe stand. Zwei Jahre nach dem Krieg bekam ich einen Brief aus Kaliningrad, der mitteilte, Kant sei verschwunden und alle Suche nach ihm vergeblich. Daraufhin schickte ich eine genaue Zeichnung des Standortes und riet, auch die nahe gelegenen Gräben gründlich zu untersuchen. Aber wieder kein Resultat.

Jahre später erhielt ich in Düsseldorf den mit 25 000 Mark dotierten Heine-Preis und beschloß, dafür das kleine Modell einer Kant-Statue, ebenfalls von Rauch gefertigt, nachgießen zu lassen und es der Stadt Königsberg als Ersatz für das große Denkmal zu schenken. Aber nach einiger Zeit erschien mir eine so kleine Figur – sie ist nur etwa fünfzig Zentimeter hoch – für einen so großen Mann (auch wenn er nur 157 Zentimenter maß) einigermaßen lächerlich. Außerdem gehört der Kant einfach vor die Universität und nicht in irgendeine Glasvitrine.

Ich schrieb also einen Artikel in der ZEIT und bat um Spenden. Und da bewährten sich die Leser dieser Zeitung wieder einmal in großartiger Weise: In wenigen Wochen gingen rund 100 000 Mark ein, und zwar nicht nur in größeren, sondern auch in kleinen und kleinsten Beträgen. In einigen Briefen hieß es: "Ich würde gern einen wesentlichen Beitrag leisten, aber ich bin Rentner und schaffe es nicht; ich habe der Bank aber einen Dauerauftrag erteilt, sie wird jeden Monat zehn Mark überweisen." Und tatsächlich sind dann drei Jahre lang jeden Monat zehn Mark auf dem Sonderkonto bei der Warburg-Bank eingegangen.

Als die Nachfrage bei allen Museen und Schlössern in Ost- und Westdeutschland, ob die Gipsform des Königsberger Denkmals nicht doch noch irgendwo erhalten sei, keinen Erfolg hatte, haben F.W. Christians von der Deutschen Bank und ich beschlossen, mit Hilfe des bekannten Bildhauers Harald Haacke nach dem erwähnten kleinen Modell eine große Gipsform herzustellen und dann den Guß in der renommierten Berliner Gießerei Noack anfertigen zu lassen. Diese umständliche und langwierige Prozedur ist schließlich vor kurzem beendet worden. Und dann reiste Kant, gut verschnürt, auf einem Lastwagen nach Königsberg.

Immanuel Kant, der in seinem Leben nie aus Ostpreußen herausgekommen ist, war einer der ersten Weltbürger: tolerant, der Aufklärung verhaftet, offen im Gespräch mit allen Schichten und allen Generationen. Fern von jedem Nationalismus, aber treu seiner Heimat. Immer hat er es abgelehnt, die Universität Königsberg zu verlassen, an der er mit sechzehn Jahren zu studieren begonnen hatte. Manchmal mag die Versuchung groß gewesen sein, beispielsweise, als ihn ein Ruf der Universität Halle erreichte, die damals die modernste und interessanteste Universität Preußens war. Sie hatte bereits über 1000 Studenten, in Königsberg gab es nur 300. Überdies bot ihm Halle 800 Taler Jahresgehalt, während er in seiner Vaterstadt nur 166 Taler bekam; darum mußte er nebenher noch in der Schloßbibliothek arbeiten, weil es sonst nicht zum Leben gereicht hätte.

Dabei war er längst ein in aller Welt berühmter Mann, als er endlich mit 47 Jahren eine Ordentliche Professur erhielt. Zuvor, als Privatdozent, mußte er gelegentlich 28 Stunden in der Woche lehren.

An einem besonders anstrengenden Tag sah der Stundenplan so aus: Von 8 bis 9 Uhr Logik, von 9 bis 10 Mechanik, von 10 bis 11 Theoretische Physik, von 11 bis 12 Mathematische Physik; nach dem Essen: von 2 bis 3 Physikalische Geographie, von 3 bis 4 Mathematik. Einen Vorlesungssaal gab es nicht, die Studenten kamen in seine Wohnung.

Es gibt ein großartiges Kant-Buch eines russischen Philosophen, Arsenij Gulyga – der sich übrigens zur Zeit für ein Jahr beim Wissenschaftskolleg in Berlin befindet. Dessen Vorzug besteht darin, daß auch diejenigen, für die Kants Schriften eine schwierige Lektüre sind, vor der sie zurückschrecken, einen umfassenden Eindruck der Persönlichkeit Kants und in Umrissen auch seines Werkes bekommen. Gulyga schreibt, daß alle, die Kant persönlich gekannt haben, betonen, wie gesellig und aufgeschlossen er war. Er spielte gern Billard und abends zuweilen Karten.

Johann Gottfried Herder, der bei Kant studiert hat, schrieb: "Damals, in seinen blühendsten Jahren, hatte er die fröhliche Munterkeit eines Jünglings: Scherz, Witz und Laune standen ihm zu Gebot. Sein öffentlicher Vortrag war wie ein unterhaltender Umgang; nie aber habe ich in den drei Jahren, da ich ihn täglich und über alle philosophischen Wissenschaften gehört habe, den kleinsten Zug der Arroganz an ihm bemerkt."

Geschmackvolle Fröhlichkeit

Auch Jachmann, sein Biograph, bestätigt dies: "Er war in seiner Unterhaltung, besonders bei Tisch, ganz unerschöpflich. Seine gesellschaftlichen Gespräche wurden besonders anziehend durch die muntere Laune, mit welcher er sie ausschmückte und durch die passenden Anekdoten, welche er dabei einstreute. In einer Gesellschaft, wo Kant war, herrschte stets geschmackvolle Fröhlichkeit. Jedermann verließ sie bereichert mit Kenntnissen und neuen Ideen, zufrieden mit sich selbst und mit der Menschheit, gestärkt zu neuem Tun und gestimmt zur Beglückung seiner Mitmenschen."

So überraschend es ist zu erfahren, daß Immanuel Kant, der dem Laien als überaus ernster, gramgebeugter, tief versonnener Philosoph vor Augen steht, ein fröhlicher, mit Witz begabter, die Gesellschaft liebender Philosoph war; ebenso verwunderlich sind manche politischen Urteile über ihn. Der Philosoph Hermann Cohen (1842 – 1918) meinte: "Der Sozialismus kann nicht auf Materialismus gegründet werden, sondern nur auf den Idealismus der Sittlichkeit. Deswegen ist Kant der eigentliche Urheber des Sozialismus."

In ihrem Buch "Kant und Königsberg", erschienen bei Rautenberg, verstärken die Autoren Fritz Gause und Jürgen Lebuhn diesen Aspekt mit einigen Bemerkungen: "Marx charakterisierte die Philosophie Kants als die deutsche Theorie der französischen Revolution."

In der Tat waren Kant und das aufgeklärte Königsberg begeistert über die Revolution in Frankreich. Desgleichen pries der Philosoph die Vereinigten Staaten als das einzig wahre Land der Freiheit: "Der nordamerikanische Freistaat ist in der Geschichte der Welt ein einzigartiges Phänomen, auf welches die Blicke jedes Weltbürgers gerichtet bleiben müssen."

Lenin schließlich, so heißt es, habe darauf hingewiesen, daß die wichtigste Errungenschaft der deutschen klassischen Philosophie die Dialektik ist: "Kant hat die Gesetzmäßigkeit des theoretischen Wissens bewiesen und als erster die Notwendigkeit einer nicht formalen Logik erkannt, die in der Folgezeit dialektisch genannt werden sollte."

Bei den Feiern für Kants 250. Geburtstag im Jahr 1974 hieß es allenthalben im sowjetischen Bereich: "Er war der Ahnherr der deutschen klassischen Philosophie, die als eine Quelle des Marxismus anzusehen ist." In jenem Jahr fanden Kant-Konferenzen in Moskau, Leningrad, Kiew, Tiflis, Alma Ata und Kaliningrad statt.

Nun steht also Immanuel Kant wieder vor seiner Universität. Sicher hätte es ihn gefreut, wenn er, der Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Petersburg war, erlebt hätte, wie Deutsche und Russen sich in gemeinsamer Verehrung zu seinen Füßen versammelten.