Manager und Märkte

Wir freuen uns für unseren Star", beteuern die Sponsoren der Neubrandenburger Sprinterin Katrin Krabbe, seit das Schiedsgericht des Internationalen Leichtathletikverbandes (IAAF) sie am Wochenende vom Dopingvorwurf freigesprochen hat. Aber rechte Begeisterung kommt nicht auf. Für die Sponsoren bedeutet das Urteil vor allem eine teure Lösung. Denn einerseits laufen nun alle Werbeverträge weiter – nur bei einer negativen Entscheidung in London wären die Vereinbarungen geplatzt. Andererseits gilt Krabbe offenbar trotz des Freispruchs bei den wichtigsten Geldgebern nicht mehr als attraktive Werbeträgerin.

So will der Haarpflegehersteller Goldwell vorerst keine TV-Spots mit der flinken Ostdeutschen senden, obwohl er fast eine Million Mark für deren Produktion ausgegeben hat. Die Dopingdiskussion, so Marketingleiter Peter Hering, habe dem Unternehmen Umsatzeinbußen von drei bis vier Millionen Mark beschert. Besonders peinlich: Einige Krabbe-Spots liefen in der Werbung des Privatsenders RTLplus direkt nach Meldungen über den Dopingskandal.

Ähnlich ist die Situation beim Hauptsponsor Nike. Der amerikanische Sportartikelhersteller hatte die Doppelweltmeisterin für eine 350 000 Mark teure Plakatwerbung eingeplant – und mußte im Februar kurzfristig auf andere Sportler umsteigen. Dabei soll es in der Olympiasaison vorerst bleiben.

Auch die Wasa GmbH in Celle zeigt wenig Interesse. Die Knäckebrothersteller hatten im Frühjahr Vorverträge mit Krabbe abgeschlossen, angesichts der Dopingvorwürfe aber die Verhandlungen abgebrochen. Ein bescheidenes Comeback auf den Werbeseiten der Illustrierten erlebt der Sprintstar dennoch. Philips schaltet im Vorfeld der olympischen Spiele sechs bis acht Krabbe-Anzeigen. Das besagt allerdings wenig über den Imageeffekt des neuerlichen Freispruchs: Die Kampagne war schon Wochen zuvor geplant worden.

Seit dem vergangenen Mittwoch hat der Sportschuhhersteller adidas keinen Vorstandsvorsitzenden mehr. Der bisherige Chef René Jäggi, dessen Vertrag Ende dieses Jahres ausläuft, hat das Haus vorzeitig verlassen und sich auf eine längere Urlaubsreise begeben. "Ich verliere mein Gesicht, wenn ich jetzt nicht gehe", meint Jäggi, der sich mit seinem französischen Großaktionär Bernard Tapie völlig überworfen hat.

Jäggi hatte Tapie angeboten, mit einer Gruppe internationaler Investoren die angeschlagene fränkische Traditionsfirma zum Preis von einer Milliarde Mark zu übernehmen. Dieses Angebot hatte Jäggi, der adidas dann weiter geführt hätte, aber bis zum 30. Juni befristet.

Adidas-Eigner Tapie, der das Drei-Streifen-Unternehmen vor genau zwei Jahren übernommen hatte, dachte gar nicht daran, sich an eine von Jäggi gesetzte Frist zu halten. Statt dessen teilt der Franzose mit, er werde "in den nächsten Tagen" entscheiden, wem er adidas verkaufen werde. Der Unternehmer und Politiker, der gerade vom Posten des französischen Städteministers zurücktreten mußte, behauptet, er hätte noch zwei weitere Kaufangebote vorliegen.

Manager und Märkte

Bisher hatten die Kohle- und die Computerindustrie Frankreichs, beide bekanntlich in Staatshand, vor allem eines gemeinsam: mangelnde Wettbewerbsfähigkeit und viele Schulden. Jetzt haben sie auch den gleichen Sanierungsmanager, zumindest zeitversetzt.

In der vergangenen Woche bestimmte die französische Regierung Bernard Pache, bis dahin Vorsitzender des Kohleproduzenten Charbonnages de France, zum Präsidenten des angeschlagenen Computerbauers Bull – und schickte damit den bisherigen Chef Francis Lorentz in die Wüste. Lorentz zahlte so für seine ständigen Konflikte mit Edith Cresson, bis Anfang April Premierministerin. Cresson wollte etwa, daß sich der US-Konkurrent Hewlett-Packard an Bull beteiligt; Lorentz war für IBM – und setzte sich durch.

Lorentz hätte sich vielleicht halten können, wenn seine Bilanz besser wäre. Aber Bull machte in den vergangenen beiden Jahren rund drei Milliarden Mark Verlust. Fraglich ist aber, ob der neue Chef es besser macht: Mit der Computerindustrie hat Pache bisher wenig zu tun gehabt. Eine nützliche Qualifikation hat er in seinem alten Job allerdings bewiesen: Er kann Arbeitsplätze abbauen, ohne daß es großen Ärger gibt. Und genau das hat Bull nötig.

Die Deutschen bleiben cool. "Bei Philip Morris gibt es keinen Fall, in dem Konsumenten auf Schadenersatz klagen", heißt es bei dem Zigarettenkonzern in München. Auch der Verband der Cigarettenindustrie (VdC) sieht für seine Mitglieder keine Gefahr. Schließlich seien "die dem Rauchen zugeschriebenen Schäden keine Produktfehler", die Hersteller dafür also auch nicht haftbar. Deutsche Gerichte können demnach die Unternehmen nicht für den Lungenkrebs der Kunden verantwortlich machen.

Nicht ganz so klar ist das in Amerika: Die New Yorkerin Rose Cipollone starb nach 42 Jahren Rauchen 1984 an Lungenkrebs. Kurz vor ihrem Tod zog sie noch vor Gericht – gegen drei amerikanische Tabakfirmen, darunter auch Philip Morris. Ihre Familie führte den Prozeß durch alle Instanzen – und errang jetzt einen Teilerfolg: Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten entschied in der vergangenen Woche, daß Tabakhersteller trotz der Warnhinweise auf den Packungen auf Schadenersatz verklagt werden können, und zwar dann, wenn sie Risiken verschleiern. Allerdings müssen die Kläger der Industrie eine arglistige Täuschung oder Verfälschung der Tatsachen nachweisen. Gesunde Akteure im Werbespot, so die Richter ausdrücklich, reichten als Begründung nicht aus.

Der Beweis also dürfte den Opfern schwerfallen. Lediglich aus der Vergangenheit droht den Tabackonzernen Gefahr. In den sechziger Jahren nämlich waren die Risiken gerade bekannt, die Warnhinweise gut versteckt, und nicht wenige Hersteller priesen die Zigarette in der Werbung noch immer als gesundes Produkt.

Die Börsianer hielten trotzdem zu den Tabak-Multis: In New York fielen die Aktien von Philip Morris nicht um die befürchteten zwanzig, sondern nur um knappe vier Prozent. Auch die anderen Tabakkonzerne büßten wenig ein. Die Anleger müssen sich in der Tat kaum um ihr Kapital sorgen. Denn gegen Schadenersatz für die kritischen Fälle der sechziger Jahre sind die meisten US-Konzerne versichert.

Uwe Jean Heuser