Von Volker Hage

Die „Antiquiertheit des Menschen“ ist die wichtigste Formel des Mannes, der am Sonntag neunzig Jahre alt wird. Der Begriff, zugleich Titel des zweibändigen Hauptwerks, bedeutet nichts anderes, als daß die Menschen den Geräten, Gegenständen und Maschinen nicht gewachsen sind, die sie herstellen können. Die Atombombe war über Jahrzehnte hin für ihn der Inbegriff dieser Kluft: „Zerbomben können wir zwar Hunderttausende, sie aber beweinen oder bereuen nicht.“

Er wurde am 12. Juli 1902 als Günther Stern in Breslau geboren. Den Namen Anders legte er sich zu, als er Anfang der dreißiger Jahre, damals mit Hannah Arendt verheiratet, beim Berliner Börsen-Courier so viele Artikel schrieb, daß Herbert Ihering ihn eines Tages fragte, ob er sich nicht auch noch „anders“ nennen könne. So jedenfalls erzählte Günther Anders einmal die Geschichte; über das tiefere Motiv hüllte er sich stets in Schweigen. Vielleicht hat er 1982 eine Andeutung gemacht, als er im Proust-Fragebogen auf die Frage „Wer oder was hätten Sie sein mögen?“ so antwortete: „Psychologisch falsch gefragt. Man kann kein anderer sein wollen, nur anders.“

Ein störrischer Mensch ist Anders immer gewesen. Er hat es niemandem leichtgemacht, weder sich noch den Freunden. Im amerikanischen Exil, das für ihn von 1936 bis 1950 währte, verkehrte er mit den anderen Exilanten aus Philosophie und Literatur, die zum Teil von ihren Büchern leben konnten – er dagegen mußte sich mit kleinen Jobs durchschlagen. Hilfe nahm er nur ungern an. Einmal war er bei Horkheimer zu Besuch und erhielt zum Abschied eine Tüte mit Apfel, Tomate und Fischdose. Kaum war er daheim, ließ er Horkheimers Chauffeur kommen und schickte die Almosen retour. Als Anders 1950 nach Europa zurückkehrte, lehnte er einen von Bloch vermittelten Lehrstuhl in Halle ab; er ließ sich in Wien nieder, beide Teile Deutschlands meidend.

Der ganze Anders

Der Querkopf, der Andersdenkende. Den Linken war er niemals linientreu genug (1932 wurde sein Roman „Die molussische Katakombe“ von einem Pariser Exilverlag mit eben dieser Begründung abgelehnt – das Buch erschien erst in diesem Frühjahr, sechzig Jahre verspätet). Den Denkern ist er stets zu literarisch, den Dichtern zu philosophisch gewesen. Und als Musiktheoretiker kam er zu spät. Sein Versuch, sich 1929 bei Paul Tillich mit der bis heute unveröffentlichten Studie „Philosophische Untersuchungen über musikalische Situationen“ zu habilitieren, scheiterte nicht nur an der schwierigen politischen Situation, sondern auch an seiner negativen Begutachtung Adornos.

Erst langsam beginnt sich heute die Aufmerksamkeit auf den ganzen Anders zu richten, nicht nur auf den Warner vor den Gefahren des Atoms (in den vergangenen Jahren durchaus und vehement auch vor den Risiken der Kernkraft). Vor knapp zwei Jahren fand in Wien ein erstes internationales Günther-Anders-Symposium statt, dessen Beiträge, manche davon ihren Gegenstand durch Widerspruch ehrend, jetzt zum neunzigsten Geburtstag unter dem Titel „Günther Anders kontrovers“ in einem Buch erschienen sind (herausgegeben von Konrad Paul Liesmann; Verlag C.H. Beck, München 1992; 319 S., 24,– DM). Auch die Zeitschrift text + kritik hat ihr Heft 115 als Geburtstagsgabe für Anders ausgerichtet (103 S., 21,– DM), lesenswert in der insgesamt nicht sehr facettenreichen Ausgabe ist vor allem der kritische Aufsatz „Politik der Apokalypse“. Und noch ein drittes Buch ist dieser Tage erschienen: „Philosophieren nach Hiroshima“, Ludger Lütkehaus’ lebendige Einführung in das Denken des Günther Anders (Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1992; 141 S., 16,80 DM).