Von Christoph Dieckmann

Eberswalde

Die Zeit ist reif. Die neue "BRD" ist nicht Deutschland. Genscher ist der beste Außenminister, den Polen je hatte, und Jörg Vennen, der Wirt vom "Richterplatz", ist Kreisvorsitzender der Republikaner. Wer in Vennens Kneipe die Parolen liest, der muß ums Deutsche Reich nicht bangen.

Man bleibt mit Brille kein unerkannter Zecher in einer Rep-Gaststätte zu Eberswalde, ein Stündchen hinter Berlin. Ran an den Tresen, und die Hosen runter: Woher? Warum? Zum Prozeß? Der umgebrachte Angolaner? "Totschlagen, so geht’s ja auch nicht", moniert die Dicke und entsagt der Umarmung ihres korpulenten Tischgefährten. "Die Schwarzen haben hier doch die Dreckarbeit gemacht. Stimmt’s, Dicker?" Der schüttelt störrisch den Kopf: "Alles faule Dreckschweine." – "Wenn die Skins oder Heavys den Schwarzen umgebracht haben", erklärt Wirt Vennen, "dann gehören sie eingesperrt ohne Ende. Wir brauchen Ordnung und endlich wieder einen Strafvollzug, der abschreckt. Und die Todesstrafe." – "Jawoll", sagt zackig die Dicke und drängt, Deutschland zu dienen, an die Theke. Das Wrack am Hintertisch lallt von Vietnamesinnen.

"Meine Eltern halten mich einfach für einen Nazi", sagt Vennen, Jahrgang 59, der zu DDR-Zeiten Bau studierte. "Dabei ist Nazi für mich ein ganz übles Schimpfwort. Und bei so einem Skin-Überfall, da würd’ ich gleich mit der MP reinhalten, dann liegen erst mal dreie flach, und der Rest rennt." Du sollst nicht töten. Vennen spendiert ein Pils. Auf die Todesstrafe würde er "vielleicht verzichten", aber wie weiter in Deutschland? Scheinasylanten, Straßenbanden, Ausverkauf? Ordnung!

Hunderttausende von Fremdarbeitern aus Asien und Afrika holte die DDR-Regierung ins Land – viele zur Ausbildung, viel mehr für "Dreckarbeit". Sie lebten in Wohnheimen, abgeschirmt von einer Bevölkerung, deren internationalistisches Fühlen zu den großen Illusionen der DDR gehörte. Aus dem Ordnungsstaat entlassen, gnadenlos in den Wind der Neuzeit gestellt, flüchten viele Ostler zu vertrauten Instinkten. Balsam Negerwut: Laut Untersuchung des Potsdamer Instituts für Familien- und Kindheitsforschung sind für 38 Prozent der Jugendlichen Ausländer schuld an der Arbeitslosigkeit, 42 Prozent gefällt der Slogan "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!", und fast 30 Prozent finden, Ausländer müßte man "aufklatschen und raushauen".

"Neger aufklatschen" – er weiß nicht, was das ist, der brave Richter Hartmut Kamp, aus dem schönen Rheinland in den wilden Osten entsandt, um in einem Fall zu richten, der Eberswalde traurigen Ruhm eingetragen hat. Hier, vor der chemischen Fabrik, wurde in der Nacht zum 25. November 1990 mit dem Angolaner Amadeu Antonio Kiowa zum ersten Mal ein ausländischer Arbeiter in der DDR ermordet, erschlagen von einem Pulk Radikaler. Anderthalb Jahre hat es gedauert, bis eine mäßig interessierte Öffentlichkeit sechs mutmaßliche Täter präsentiert erhielt. Eigentlich sind es nur fünf, denn Kay-Nando Böcker aus Gartz, der Hauptverdächtige, ist flüchtig. Sven, sein jüngerer Bruder, sitzt nur ein, weil er ein paar Monate nach Amadeu Antonios Tod einen Mann mit einer Baseball-Keule erschlagen haben soll – diesmal fairerweise einen Deutschen.

Den Böcker muß man sehen. Den macht uns keiner nach. Ein fetter preußischer Buddha, wie von George Grosz gezeichnet, hockt auf der Anklagebank, grinst hochmütig, kaut seinen Gummi und besteht Richter Kamps pastorales Examen: "Sie zählen sich wohl, salopp gesagt, auch zu den Glatzen?" – "Nee, eigentlich nicht", sagt Böcker, auf dessen rechten Fingern H-A-S-S tätowiert steht, in SS-Runen. "Sind Sie hitlerfreundlich?" – "Nee, würd’ ich nicht sagen." – "Nationalsozialistisch?" – "Nee, so Kaiserreich rum. Ich bin ein rechtsextremer Jugendlicher." – "Extrem ist mir zu ungenau. Sind Sie gewaltbereit?" – "Nee", sagt Böcker, "mehr so, na, äh, mit Plakate kleben."

Bar jeder Gewaltbereitschaft und versehen mit einem Fallschirmjäger-Messer, weilte Sven Böcker, damals achtzehnjährig, am Abend des 24. November 1990 in der Eberswalder Heavy-Metal-Diskothek "Rockbahnhof" und pichelte sich einen an. Zwölf halbe Liter Bier, ein Viertel Brauner und ein Fläschchen Rotwein waren verdrückt, als zu vorgerückter Stunde die Parole zum Abmarsch kursierte. Etwa vierzig Skins und Heavy Metals zogen zum "Las Vegas", um dort Linke "aufzuklatschen", wie es Richter Kamp, bemüht um "sozial adäquate Sprache", nun auch schon scheu über die Lippen kommt.

Sie rannten um ihr Leben

Das "Las Vegas" war geschlossen. Der Zug schwenkte um in Richtung "Hüttengasthof", damals die einzige Eberswalder Diskothek, in der Ausländer noch gerngesehene Gäste waren. "Deutschland den Deutschen!" grölend, demolierte die freie deutsche Jugend einheimische Autos und einen Döner-Stand. Sven Böcker trat gegen einen vorbeifahrenden Golf. Der Fahrer stieg entrüstet aus. Böcker packte ihn, zog das Messer und fragte den Mann, ob er "rasiert werden" wolle. Er wollte nicht. Böcker zog enttäuscht weiter.

Inzwischen hatte Horst Schulz, der Wirt des "Hüttengasthof", vom Anzug der Meute gehört und rasch sein Lokal geschlossen. Die Afrikaner rannten um ihr Leben. Kay-Nando Böcker drosch einem die Baseball-Keule über den Kopf. Sven fühlte sich von einem anderen gerempelt. "Der kam mir vor wie ’n Selbstmörder. Dazu hat er noch so eklig gegrinst." Das Messer ging auf. "Ich hab’ zunächst in Richtung seines Kopfes gearbeitet." Er traf. Der Angolaner Francisco Dos Santos erlitt Schnittwunden im Gesicht und am Gesäß.

Dos Santos tritt als Zeuge auf. "Sprechen Sie Deutsch?" fragt Kamp. "Ja, ein bißchen." – "Das klingt doch schon ganz gut, hm? Sind Sie mit jemandem im Saal verwandt oder verschwägert?" Dos Santos begreift nicht, schaut auf die Angeklagten und sagt ja. Nebenkläger Reimann beantragt einen Dolmetscher. Der Antrag wird abgelehnt. Richter Kamp obsiegt und triumphiert. Der Photograph der Super-Illu knipst heimlich die Zeugen. Kamp sieht’s erst nach empörten Zurufen. Der Super-Bildner darf seinen Film behalten. "Bitte", sagt Kamp und legt ihm die Hand auf den Arm, "bitte veröffentlichen Sie nichts."

Der kleine Westberliner Anwalt Roland Reimann ist der mutigste Mann im Gericht. Als Nebenkläger für Antonios Söhnchen hat er nur eingeschränktes Fragerecht, will aber dennoch Sven Böckers politisches Credo vertiefen. Der Richter würgt ab: Der Angeklagte werde überfordert. Verteidiger Kohrs gähnt bereits zum Erbarmen. Verteidigerin Seidel erklärt, Reimann stehle nur Zeit, es höre kaum einer zu. Entrüstung im Saal ob dieser Frechheit. Der Eberswalder In- und Ausländerkreis verteilt ein Flugblatt: Die rassistischen Motive der Tat würden systematisch ausgeblendet, denn der Prozeß behandele nur "Körperverletzung" mit Todesfolge.

Und so ging es zu Ende. Einer entkam nicht mehr. Sie hatten ihn eingekreist, zogen Kapuzen über die Köpfe und banden sich Tücher vors Gesicht. Angeklagter Gordon Klimpel: "Da kam ’n Schwatter raus, den ham wa jekascht an der Kreuzung und ham den zusammjeschlagen." Angeklagter Marek Jordan: "Da standen also fünfzehn Mann herum und haben den ... na, den Afrikaner da rumgeschubst. Dann hab’ ich den Angeklagten, den Amadeu da, mit der Faust gehauen. Dann wurde er weitergeschubst, und irgendwie isser dann runtergefallen." Angeklagter Ronny Jaretzky: "Hätte ich gewußt, daß das solche Ausmaße annimmt. ..." Angeklagter Steffen Hübner: ",Der schnarcht ja noch’, sagte der eine mit der Kapuze und sprang weiter mit beiden Füßen auf den Kopf des Negers. Ich sagte ihm, er soll das mit dem Springen lassen. Mir reicht’s, hab’ ich gesagt und bin weggegangen." Amadeu Antonio starb am 16. Dezember 1990, ohne je das Bewußtsein wiedererlangt zu haben.

Kinderwagen mit Hakenkreuzen

Keiner ist’s gewesen. Jeder schweigt. Die Täter vergeben den Tätern. Drei Zivilpolizisten waren dem lüsternen Mob gefolgt, aber hielten Distanz. Polizist Berkan: "Ich rief sofort meine beiden Kollegen zurück, da ich verhindern wollte, daß diese mit der Gruppe in Konflikt geraten." Nach der Tat trat Berkan hinzu und versetzte den Sterbenden in "stabile Seitenlage". "Waren Sie bewaffnet?" – "Ja." – "Wären Sie eingeschritten, wenn Sie gewußt hätten, daß ein Mensch zu Tode kommt?" Berkan schweigt. Richter Kamp empfiehlt ihm sein Recht, die Aussage zu verweigern, falls er sich selber belaste. Berkan nimmt dankbar an. Polizist Höhne, mutiger, sagt diplomatisch: "Ein Eingreifen war nicht mehr möglich im Zusammenhang mit der Straftat."

Eine Zeugin will gehört haben, wie einer der Beamten sagte: "Ich tu’ für einen Afrikaner nichts. Ich setz’ nicht mein Leben aufs Spiel."

Hinterher waren alle in der Stadt bedrückt, erzählt ein Eberswalder. Seinen Namen nennt er nicht. Alle hätten gewußt: Das kann hier jeden treffen. Und eine andere (namenlos): Man schweige besser; "diese Leute" seien ja "nicht ganz ungefährlich. Aber das war doch nicht schön, die ganzen Neger hier in der Stadt." Knapp zwanzig sind geblieben, ein halber kam hinzu. Am 9. Januar 1991, morgens um sechs, gebar Amadeus Freundin Gabriele Schimanski ihren Sohn und nannte ihn nach seinem toten Vater. Zwei Stunden später hob das Flugzeug ab, das Amadeu Antonios Leichnam nach Angola überführte. "Es war, als ob seine Seele das Kind noch sehen wollte." Kaum aus dem Krankenhaus entlassen, fand Gabriele den Kinderwagen mit Hakenkreuzen beschmiert, bald darauf zerstört. Der Deutsche Fernsehfunk drehte einen Dokumentarfilm über ihren Fall und brach die versprochene Anonymität. Als sie Morddrohungen erhielt und kein einziges Zeichen von Solidarität, zog sie mit Hilfe der Westberliner Antirassistischen Initiative nach Kreuzberg.

Jetzt ist sie nach Eberswalde zurückgekehrt, bange. "Aber man kann sich nicht immer verstecken." Als Nebenklägerin sitzt sie nun an jedem Prozeßtag jenen gegenüber, die Amadeu umgebracht haben, und hält dem kalten Grienen von Böcker und Kumpanen stand. Sie ist keine Kino-Schönheit, Gabriele Schimanski, 35, gelernte Viehpflegerin, nach den Maßstäben der versammelten arischen Auslese eine "Negerschlampe".

Nur Kaffee möchte sie. Keinen Eisbecher? "Au ja, Eis!" Dann löffelt sie den Eierlikör unter der Sahne hervor und erzählt von dem Kleinen, der seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten sei. "So habe ich Amadeu immer bei mir." Wie sie so spricht, in Freude und Furcht, aber ohne die lügende Angst, da hat sie mehr Kraft als diese ganze erbärmlich schweigende Stadt. "Den Prozeß, den ziehe ich durch bis zum Schluß", sagt sie und will fest daran glauben: "Sonst denken die Deutschen, sie können mit den Menschen machen, was sie wollen."