In einer freundlichen Welt ohne Männer

Von Elisabeth Wehrmann

Es sollte ein großes Fest für Frauen werden. 200 Verlage und 182 Schriftstellerinnen aus 55 Ländern waren geladen zur Fünften Internationalen Feministischen Buchmesse Ende Juni in der "Beurs von Berlage", im Zentrum der alten Handelsstadt Amsterdam.

Neuntausend neue Bücher, über sechzig Lesungen, Diskussionen und Gesprächsrunden unter anderem über lesbische Prosa, übers Schreiben auf den Kapverdischen Inseln, über das Bild der Frau in den Medien, über Phantasien von Gewalt gegen Männer, über den Büchermarkt für Frauen in Afrika, Indien, Asien, Osteuropa und Lateinamerika, aber auch über "Deutschland, Deutschland" waren angesagt.

Achttausend Besucherinnen und Besucher kamen in Erwartung schwesterlicher Solidarität, neugierig nicht nur auf die Neuerscheinungen, sondern vor allem in Erwartung einer Antwort auf die Frage: Wo steht der Feminismus heute, und wie sieht das Programm für morgen aus?

Zum Auftakt trafen sich die Bestseller-Autorinnen Fay Weldon und Marilyn French zu einem "Streitgespräch" im "Paradiso", versicherten einander ihre Sympathie ("We’re nice aren’t we?" – "Yes we’re lovely") und predigten der bekehrten Gemeinde die Weisheiten von vorgestern: "Der Feind heißt Mann." Marilyn French, die ihr neues Buch "Der Krieg gegen die Frauen" (soeben im Knaus Verlag erschienen) vorstellen wollte, erklärte: "Männer haben eigentlich keine Funktion. Sie können jedenfalls keine Kinder gebären. Wenn wir sie wegschickten, könnten wir in einer freundlicheren Welt leben. Aber so vor dreitausend Jahren haben die Männer sich gegen die Frauen zusammengeschlossen und ihnen den Krieg erklärt." Fay Weldon bestätigte: "Der Weltkrieg gegen die Frauen dauert an. Und es ist ein Krieg, den wir nicht gewinnen können, denn es liegt in der Natur der Männer, die Frauen zu unterdrücken."

Während Weldon und French immerhin darüber stritten, ob Anlage oder Umwelt den Mann zum Monster macht und ob es sich lohnt, darauf zu warten, daß "die Männer endlich erkennen, was sie uns dreitausend Jahre lang angetan haben", erkundigte sich eine philippinische Feministin aus dem Publikum, was sie und die Frauen der Dritten Welt denn wohl mit dem Gerede über den Geschlechterkampf im reichen Westen anfangen sollten. Sollte das etwa der "kulturelle Entwicklungsbeitrag für die Frauen aus der sogenannten Dritten Welt" sein, den die Präsidentin, Gerda Meyerink, der Messe ins Programm geschrieben hatte?

Hedy d’Ancona, niederländische Ministerin für Lebensqualität, Gesundheit und Kultur, erinnerte in ihrer Eröffnungsrede stolz daran, auch sie sei einst eine "Feministin der ersten Stunde" gewesen. Die Amsterdamer Messe, die sie eröffnete, wollte sie allerdings eher als Probelauf für die Frankfurter Buchmesse 1993 verstanden wissen. "Die niederländische Literatur wird der Schwerpunkt, das große Thema für Frankfurt 1993. Den schreibenden Frauen aus Flandern und den Niederlanden soll auch in Frankfurt besondere Aufmerksamkeit gelten." Das Buch für beide Messen, "Women Writers from the Netherlands and Flanders" (herausgegeben von Lucie Th. Vermeij im Verlag An Dekker, Amsterdam 1992), stellt 28 Autorinnen vor und gibt einen Überblick zur "literarischen Bewegung der Frauen" im niederländischen Sprachraum.

In einer freundlichen Welt ohne Männer

Die Ministerin plädierte gegen radikale, lesbisch-separatistische Frauengruppen, gegen den feministischen Kampf und die feministische Tendenzliteratur, die die Frauenliteratur isoliere und vom Markt verdränge. Hatten die Organisatorinnen der Messe nicht bemerkt, daß schon das Etikett "feministisch" viele Verlage abschreckte? Ging es in der Kunst nicht schließlich um die Kunst in ihrer ästhetischen Qualität, und sollte die Literatur der Frauen nicht als fruchtbare Muse die Kunst überhaupt beleben?

So ähnlich dachten wohl auch die Männer, die als Vertreter niederländischer Verlage zum ersten Mal an einer feministischen Buchmesse teilnahmen. Sie hielten die (feministische) Unterscheidung zwischen Männer- und Frauenbüchern für einen Witz, waren gekommen, um Geschäfte zu machen (über die Hälfte aller Leser sind weiblich) und trafen sich für die wirklich wichtigen Gespräche von Mann zu Mann in ihren eigenen Büroräumen. Eine Entwicklung, die Verlegerinnen wie

An Dekker (Amsterdam), Diana Voigt (Wiener Frauenbuchverlag) oder Hilke Schlaeger (Frauenoffensive, München) mit großer Wut erfüllt: "Wir haben geholfen, die Themen der Frauen zu formulieren, wir haben die schreibenden Frauen, wir haben das Lesepublikum aufgebaut. Nun kommen die großen konsumorientierten Verlage, bieten Honorare, die wir nie zahlen könnten, sahnen ab und behaupten dann, ‚unsere Autorinnen wollen nicht länger Feministinnen genannt werden‘."

Hilke Schlaeger hält die in Amsterdam geprobte "neue Unverbindlichkeit" für eine Atempause, eine Chance, sich in "revolutionärer Geduld zu üben", denn: "Zu viele Frauen haben gelernt, wo die Schmerzgrenze liegt. In unserem neuen Deutschland wird die Frauenpolitik eine wichtige Rolle spielen." Welche genau, das war jedenfalls nicht von den vier ost- und westdeutschen Autorinnen zu erfahren, die in schöner Einmütigkeit eine Diskussion über Frauen im vereinten Deutschland absagten.

Als am letzten Abend die Zukunft des Feminismus zur Debatte stand, war der Andrang so groß, daß einige Frauen drohten, die schon geschlossenen Türen einzuschlagen, und andere die anwesenden Männer aufforderten, im Interesse der Frauen den Saal zu verlassen. Es waren Frauen aus der Dritten Welt, die den saturierten westlichen Feministinnen eine Lektion erteilten. "Der Feminismus", sagte Fatema Mernissi (siehe Portrait Seite 67) aus Rabat, "ist wie der Islam. Jeder, der darüber spricht, meint etwas anderes. Dabei geht es nicht nur in der arabischen Welt darum, daß Männer und Frauen gemeinsam um demokratische Rechte kämpfen. Seit dem Golfkrieg ist die Welt kleiner geworden. Bei uns kämpft die Frauenbewegung gegen die Scharia und für eine weltweite Demilitarisierung. Und wir nehmen das Prinzip der Gleichheit ernst. Wir wissen, daß wir so lange mit den Männern reden müssen, bis sie aufhören, Kriege zu führen und uns und den Planeten zu zerstören. Wir nennen unsere Strategie das Scheherezade-Prinzip."