Die Ministerin plädierte gegen radikale, lesbisch-separatistische Frauengruppen, gegen den feministischen Kampf und die feministische Tendenzliteratur, die die Frauenliteratur isoliere und vom Markt verdränge. Hatten die Organisatorinnen der Messe nicht bemerkt, daß schon das Etikett "feministisch" viele Verlage abschreckte? Ging es in der Kunst nicht schließlich um die Kunst in ihrer ästhetischen Qualität, und sollte die Literatur der Frauen nicht als fruchtbare Muse die Kunst überhaupt beleben?

So ähnlich dachten wohl auch die Männer, die als Vertreter niederländischer Verlage zum ersten Mal an einer feministischen Buchmesse teilnahmen. Sie hielten die (feministische) Unterscheidung zwischen Männer- und Frauenbüchern für einen Witz, waren gekommen, um Geschäfte zu machen (über die Hälfte aller Leser sind weiblich) und trafen sich für die wirklich wichtigen Gespräche von Mann zu Mann in ihren eigenen Büroräumen. Eine Entwicklung, die Verlegerinnen wie

An Dekker (Amsterdam), Diana Voigt (Wiener Frauenbuchverlag) oder Hilke Schlaeger (Frauenoffensive, München) mit großer Wut erfüllt: "Wir haben geholfen, die Themen der Frauen zu formulieren, wir haben die schreibenden Frauen, wir haben das Lesepublikum aufgebaut. Nun kommen die großen konsumorientierten Verlage, bieten Honorare, die wir nie zahlen könnten, sahnen ab und behaupten dann, ‚unsere Autorinnen wollen nicht länger Feministinnen genannt werden‘."

Hilke Schlaeger hält die in Amsterdam geprobte "neue Unverbindlichkeit" für eine Atempause, eine Chance, sich in "revolutionärer Geduld zu üben", denn: "Zu viele Frauen haben gelernt, wo die Schmerzgrenze liegt. In unserem neuen Deutschland wird die Frauenpolitik eine wichtige Rolle spielen." Welche genau, das war jedenfalls nicht von den vier ost- und westdeutschen Autorinnen zu erfahren, die in schöner Einmütigkeit eine Diskussion über Frauen im vereinten Deutschland absagten.

Als am letzten Abend die Zukunft des Feminismus zur Debatte stand, war der Andrang so groß, daß einige Frauen drohten, die schon geschlossenen Türen einzuschlagen, und andere die anwesenden Männer aufforderten, im Interesse der Frauen den Saal zu verlassen. Es waren Frauen aus der Dritten Welt, die den saturierten westlichen Feministinnen eine Lektion erteilten. "Der Feminismus", sagte Fatema Mernissi (siehe Portrait Seite 67) aus Rabat, "ist wie der Islam. Jeder, der darüber spricht, meint etwas anderes. Dabei geht es nicht nur in der arabischen Welt darum, daß Männer und Frauen gemeinsam um demokratische Rechte kämpfen. Seit dem Golfkrieg ist die Welt kleiner geworden. Bei uns kämpft die Frauenbewegung gegen die Scharia und für eine weltweite Demilitarisierung. Und wir nehmen das Prinzip der Gleichheit ernst. Wir wissen, daß wir so lange mit den Männern reden müssen, bis sie aufhören, Kriege zu führen und uns und den Planeten zu zerstören. Wir nennen unsere Strategie das Scheherezade-Prinzip."