Von Heinrich Thies

HANNOVER. – Dicke Luft beim NDR: Die Balance der politischen Gewichte droht aus dem Gleichgewicht zu geraten. In der Chefetage gärt es: Intendant Jobst Plog ist verbittert über seinen Stellvertreter Thomas Bernd Stehling. Der eine (Stehling, der CDU nahestehend) schreibt böse Briefe, die auf rätselhafte Weise an die Öffentlichkeit gelangen, der andere (Plog, der SPD nahestehend) macht seinem Unmut darüber in Presseerklärungen Luft. Was ist geschehen?

Im NDR-Landesfunkhaus Hannover fliegen die Fetzen. Stein des Anstoßes ist Lea Rosh, die seit anderthalb Jahren die Geschicke des Regionalsenders bestimmt – mit katastrophalen Folgen, wie ihr ihre Gegner vorwerfen: "NDR-Radio Niedersachsen" habe seit ihrem Amtsantritt Hunderttausende von Hörern verloren, heißt es. Eine Münchner Studie spricht von einer halben, die Medienanalyse der ARD von einer viertel Million Abwanderer allein im vergangenen Jahr. Und mindestens genauso dramatisch ist der Zuschauerschwund. Die Einschaltquote der täglichen Regionalsendung "Hallo Niedersachsen" sackte von zwölf auf acht Prozent.

Mit dem Publikum gehen die Redakteure. Und auch die nach Parteienproporz sorgsam geformte Führungsspitze zerbröselt. Zuletzt entschloß sich Fernsehchef Peter Staisch (der CDU nahestehend), das Weite zu suchen. Der Mann mit dem unerträglichen Schal, bekannt geworden als Washington-Korrespondent der ARD, war es leid, seine Energien als Rosh-Vize im Funkhaus am Maschsee zu vergeuden. Er wechselt zum privaten Nachrichtensender n-tv nach Berlin, wo er Chefredakteur wird. Obwohl es ein offenes Geheimnis ist, daß es während der einjährigen Zusammenarbeit des Direktorengespanns Rosh-Staisch öfter knisterte, betonte der Scheidende, daß es ausschließlich "das Fernsehabenteuer auf dem Weg zum Jahr 2000" gewesen war, das seinen Weggang bewirkt habe.

Abgang mit Paukenschlag

Ganz anders Hörfunkchef Jürgen Köster, der ebenfalls der CDU zugeordnet wird. Köster nahm seinen Hut ungleich geräuschvoller. "Unprofessionell und selbstherrlich" nannte er die Arbeit seiner Chefin. Gegen seinen Willen habe sie wenig qualifizierte Moderatoren eingesetzt, die Programmstruktur umgemodelt, nicht verstanden, daß sie an der Spitze eines Heimatsenders stehe und halt keinen Problemfunk machen könne.

Wie ein Paukenschlag wirkt Kösters Abgang, der auf eine stolze Bilanz verweisen kann, seitdem er 1988 den Posten übernommen hat: Von damals nur 800 000 auf sage und schreibe 2,3 Millionen Hörer soll er das Landesprogramm hochkatapultiert haben – bis Ministerpräsident Gerhard Schröder die Neue ins Amt hievte und der Sturzflug begann. Köster, der schon wenige Tage nach seinem Abgang beim NDR beim privaten Hörfunksender ffn als Programmdirektor anheuerte, hat die Sympathien der bürgerlichen Parteien auf seiner Seite. Der CDU-Landeschef spricht von einem "Exodus erstklassiger Journalisten", der Vorsitzende der FDP-Landtagsfraktion wirft Lea Rosh vor, den Sender "auf rot getrimmt" zu haben.