Daniel Cohn-Bendit liebt es provokant. „Auf nach Sarajevo!“ rief der Multi-Kulti-Dezernent vor einigen Wochen, als sich rund zweihundert 68iger-Veteranen in Frankfurt trafen. Er wollte die Pazifisten unter den Versammelten reizen: Dem Morden in Jugoslawien sei endlich mit militärischer Gewalt Einhalt zu gebieten.

Aber das wenige Murren und Murmeln im Saal verriet: Seine Provokation lief ins Leere. Die radikalen Pazifisten sterben anscheinend aus. Ob in grünen, sozialdemokratischen oder kirchlichen Kreisen: Die Einsicht, daß die Strategie der Gewaltfreiheit angesichts mordgieriger Söldner und Heckenschützen nicht nur unrealistisch ist, sondern – als unterlassene Hilfeleistung für unschuldige Zivilisten – auch moralisch unhaltbar sein kann, verunsichert die gesamte Friedensbewegung.

Nun streitet auch ihre akademische Avantgarde, wie das Friedensgutachten 1992 (LIT Verlag) der drei führenden Institute der deutschen Friedens- und Konfliktforschung zeigt. Auf die Frage, ob sich die Bundeswehr auch künftig auf die Verteidigung Deutschlands und seiner Nato-Bündnispartner beschränken oder ob sie demnächst – über Blauhelm-Einsätze hinaus – auch an „friedensschaffenden Kampfeinsätzen“ in aller Welt teilnehmen soll, finden die Sozialwissenschaftler keine gemeinsame Antwort. Sie sind sich einig, daß für die Beteiligung Deutschlands an kollektiven Sicherheitsaktionen – im Rahmen der Charta der Vereinten Nationen oder demnächst vielleicht der KSZE – endlich die „verfassungsmäßigen Voraussetzungen“ geschaffen werden sollen. Ambitionen in Bonner Regierungskreisen, die neu beauftragte Bundeswehr am Grundgesetz vorbeirobben zu lassen, wird also eine Absage erteilt.

Doch damit ist die Gemeinsamkeit erschöpft. Die einen wittern in den aktuellen Interventionsdebatten bereits einen Willen zur allgemeinen „Kriegsfähigkeit“. Humanitäre Einsätze der Bundeswehr werden als Vorstufe interpretiert, auf der es darum gehe, öffentliche Akzeptanz zu schaffen für militärische Interventionen mit ganz anderen Zielen: Aufrechterhaltung des freien Welthandels, Zugang zu strategischen Rohstoffen, Abschirmung der „Festung Europa“ vor Armutsflüchtlingen aus der Dritten Welt.

Der Hamburger Wissenschaftler Reinhard Mutz lehnt friedenserzwingende Bundeswehreinsätze ab, solange die politische Leitung, die operative Kontrolle und das militärische Kommando nicht eindeutig beim UN-Sicherheitsrat liegen und ein Mißbrauch der Vereinten Nationen durch selbsternannte Weltpolizisten nicht ausgeschlossen ist.

Andere Friedensforscher wiederum empfehlen, Deutschland müsse sich „wie jeder andere Staat“ an kollektiven Sicherheitsmaßnahmen beteiligen. Vor allem dort, wo in nationalen, religiösen oder ethnischen Konflikten das Leben Unschuldiger auf dem Spiel steht, müßten sich auch die Deutschen fragen, ob ihre militärische Hilfe notwendig und historisch zu verantworten ist. Harald Müller von der hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung widerspricht denn auch seinem Hamburger Kollegen energisch: Man könne nicht eine Reform der Vereinten Nationen abwarten und sich bis dahin in „Totalabstinenz“ üben.

Deutlich wird auch in dieser Kontroverse: Die Rede von der Friedensbewegung ist heute weniger möglich denn je. Solche Pauschalisierungen dienen nur noch ideologischen Zwecken, wenn etwa konservative Autoren mit gespielter Empörung fragen: „Wo bleiben Demonstrationen gegen den Krieg auf dem Balkan?“ In der deutschen Friedensbewegung gewinnt die Position eines pragmatischen Pazifismus an Zulauf: Militärische Gegengewalt ist in Ausnahmesituationen berechtigt, wenn die friedlichen Mittel der Streitbeilegung erschöpft sind. Niemand in Westeuropa muß auf die Straße gehen, um Mehrheiten davon zu überzeugen – sie sind es bereits. Die Toten und Verstümmelten in Sarajevo haben alle wachgerüttelt.

Norbert Kostede