Es war eine Mutter, die hatte vier Kinder, den Frühling, den Sommer, den Herbst und den Winter ...“ Lieder, wie sie früher – „dermaleinst“ wäre vielleicht passender – zum Repertoire der Vorschulerziehung gehörten, Singsang-Lektionen über die spezifischen Merkmale der Jahreszeiten, sind längst in der saisonalen Verramschungsaktion auf der Strecke geblieben. Sie sind nicht bloß lächerlich, sie sind fremd geworden: die Maikäfer-, Kuckucks- und Storchenlieder, die Weise von der Katze im Schnee und vom „Baum im Garten, von Pflaumen voll und schwer“.

Schnee liegt, sofern er dann doch noch fällt, nur noch stundenweise, Maikäfer, Kuckuck und Storch sind zu Relikten erstarrt, als Abbilder aufgehoben in prächtigen Farbphotobänden, die euphorische Überbewertung des Monats Mai begreift heute ohnehin kein Kind mehr, und Pflaumen und Trauben kann man problemlos von Januar bis Dezember im Supermarkt kaufen, wenn einem unbedingt danach ist.

Bevor die Jahres-Uhr endgültig zur Legendenzeit stehenbleibt, hat der Maler Józef Wilkoń sie noch einmal in Gang gesetzt und der Franzose Jacques Cassabois einen poetischen Text dazu geschrieben. In Form einer märchenhaften Genesis läßt er im Leib der sich langweilenden Erde vier Kinder wachsen, die einander, kaum geboren und von der Mutter mit Namen bedacht, eifersüchtig bekämpfen. Bis die Mutter sich nicht anders zu helfen weiß, als jedem Kind drei Monate einzuräumen, in denen es die Chance erhält – je nach Geschmack und Begabung – die Mutter in Erstaunen zu versetzen und zu erfreuen. Wilkoń wäre nicht Wilkoń, wenn er diese Chance nicht nützte; Erstaunen und Entzücken sind garantiert.

Zu sehr Künstler, um in Sachbuch-Akribie zu verfallen, malt er mit Pastellkreiden Glut und Wind, den Aufmarsch des Grüns und herbstlichgrelles Wirtschaften, und eine schwarze, geheimnisvolle Grille jagt auf einem Heupferd durch die Nächte des übermüdeten Sommers. Die Hügel tun sich auf, um den Regenbogen einzulassen, und das Baumhaus der Krähen erinnert mit seinen geöffneten Läden an Magrittes „Die Stimme des Blutes“.

Verausgaben sich Frühling, Sommer und Herbst auf ähnliche Weise, verfolgt der vierte Bruder unbeirrt und versunken seine eigenen Pläne. Sein Mantel ist aus Eis, seine Nase ein Dompfaff, sein Tritt ist langsam und schwer. Er ist der Wächter der Dinge, die es noch nicht gibt, Beschützer der Träume, die erst wieder reifen müssen. Ihm widmet Wilkoń seine schönsten Impressionen. Ob er den Schneesturm als weißen Kranich über die Ebenen fegen läßt oder Hermelin und schlafender Bär sich schneewolkengroß über entblößte Flächen auftürmen, über nackte Alleen, kaum mehr erkennbar in Flockengestöber.

Im Bilderbuch wenigstens sind die Jahreszeiten noch, im wahrsten Sinn des Wortes, „in der Reihe“, wie denn auch gängige Metaphern von einem „Bilderbuchsommer“ sprechen, von einem Winter „wie im Bilderbuch“. Man könnte fast vergessen, daß die vier kunstreichen Brüder schon seit längerem angefangen haben, einander bedenklich zu gleichen, fast so, wie alte Ehepartner sich äußerlich anzunähern pflegen. Ihr leidenschaftliches Bemühen um die Einmaligkeit des eigenen Auftritts, das Vorführen ureigenster Attraktionen hat einer nicht mehr zu übersehenden Müdigkeit, ja Gleichgültigkeit Platz gemacht. Wer wollte es ihnen verdenken. Karla Schneider

  • Józef Wilkoń/Jacques Cassabois:

Die vier Kinder der Erde

Aus dem Französischen von Elke Bahr; Patmos Verlag, Düsseldorf 1992; 32 S., 24,80 DM