Von Irene Mayer-List

Für die Nacht der Oscar-Verleihung kaufte sie sich ein schickes schwarzes Kleid und lieh sich von einer Freundin Ohrringe. Hava Kohav Beller war absolut sicher, daß ihr Dokumentarfilm über die deutschen Widerstandskämpfer nach mehreren anderen amerikanischen Preisen auch noch die höchste aller Filmtrophäen gewinnen würde. „Packend“, „aufwühlend“, „brillant“ hatten New York Times, Washington Post und Jerusalem Post ihr Außenseiterwerk bejubelt. Selbstsicher wartete die ehemalige Ballettchoreographin, Schauspielerin und Hausfrau auf ihrem Sessel in Reihe K, bis sie für ihr Erstlingswerk auf die Bühne gerufen würde. Doch der Dokumentarfilm der Jüdin über die Deutschen fiel durch.

Zierlich, kastanienbraunes Haar, strahlende grüne Augen – so sitzt uns die gut fünfzigjährige Regie-Novizin auf einem zerschlissenen altmodischen Sessel in ihrem New Yorker Apartement am Riversidedrive gegenüber. Die Enttäuschung der Oscar-Nacht ist längst vergessen. Amerikanisches, israelisches und russisches Fernsehen haben ihren Film gekauft, das ZDF wird ihn am 19. Juli senden. Schon am Tage nach der Oscar-Feier setzte sich die Filmproduzentin wieder an die Schreibmaschine und tippte im Zweifingersystem neue Promotionsbriefe.

Hava Kohav Beller – in Frankfurt am Main geboren, im Kibbuz zwischen Haifa und Galiläa aufgewachsen – ist stolz auf ihre Selbstdisziplin und ihren Arbeitseifer. Ohne diese preußischen Tugenden hätte es die Mutter eines erwachsenen Sohnes wohl nie geschafft, neun Jahre lang ohne nenneswertes eigenes Einkommen einen mehrere hunderttausend Dollar teuren Film zu drehen – in einem Land, dessen Sprache sie nicht verstand, über ein Thema, das ihr am Anfang ein Buch mit sieben Siegeln war.

„Schwierigkeiten sind da, um überwunden zu werden“, sagt sie milde und lacht. Zur Finanzierung ihres Werkes verkaufte sie mehrere geliebte, wertvolle Gemälde und arbeitete als Ballettlehrerin und Sekretärin. „Sie ist so echt, so schlicht und überzeugend, daß man ihr einfach antworten muß“, sagt einer, der sich von ihr vor laufender Kamera interviewen ließ. „Unbarmherzig“, so sagt sie selbst, habe sie Überlebende, Ehefrauen und Kinder aus den Reihen des deutschen Widerstands nach ihren Gefühlen und Gewissensbissen damals und heute gefragt: Freya von Moltke, Axel von dem Bussche, Klaus von Dohnanyi, die Witwe und die Schwester des Grafen von der Schulenburg und andere.

Alle antworteten, manchmal unter Tränen. Es entstand aus altem Filmmaterial und dreißig Kartons voller Filmrollen mit eigenen Interviews eine eindrucksvolle Dokumentation über menschlichen Mut und menschliches Scheitern. „The Restless Conscience“ – das rastlose Gewissen – „ist eine Chronik der verpaßten Chancen“, wie Hal Hinson in der Washington Post schrieb.

Was bringt eine Jüdin dazu, einen Film über den deutschen Widerstand zu machen? „Ich wollte ein Licht in dieser dunklen Zeit suchen, das Undenkbare und Inakzeptable verstehen“, sagt sie. „Mein Film ist ein Versuch, eine Tragödie zu heilen, die uns alle bis heute umgibt. Ich wollte der Verewigung des Hasses entgegenwirken.“ Während ihrer Recherchen habe sie sich immer wieder gefragt, ob sie selbst den Mut der Widerstandskämpfer gehabt und ihr eigenes Leben für Fremde geopfert hätte. Die Antwort sei für sie erschütternd gewesen. Leise, nach einer langen Pause, fügt sie hinzu: „Vielleicht hilft dieser Film in gewisser Weise auch, die Würde der Opfer zu bewahren.“