Von Jürgen Krönig

London

Andrew Neils Hände zitterten, als er die Glasplatten hochhob, zwischen denen auf Mikrofilmen Auszüge der Goebbels-Tagebücher enthalten waren." So beschreibt der wegen seiner Nazi-freundlichen Thesen umstrittene britische Historiker David Irving in seinem Tagebuch den stolzen Augenblick, in dem er dem Chefredakteur der Sunday Times sein Mitbringsel aus dem Moskauer Archiv präsentierte.

Neils Erregung ist verständlich. Gerade erst war die Auflage seiner Zeitung um 400 000 auf über 1,5 Millionen hochgeschnellt – dank der Enthüllungen über die Leidensjahre Prinzessin Dianas als Ehefrau des britischen Thronfolgers. Die Tagebücher des Nazi-Chefpropagandisten boten die unerwartete Chance, jene Gelegenheitsleser bei der Stange zu halten, die nur mit sensationellen Exklusivgeschichten zum Zeitungskauf zu bewegen sind – "Raus aus der Diana-Story, rein in die über Goebbels", wie es ein Redakteur der Sunday Times formulierte.

Jeder Chefredakteur und Verleger in Großbritannien weiß, daß es drei Themen gibt, die unweigerlich publizistischen Erfolg verheißen: ein Sexskandal, möglichst mit Spionage und Politik gemischt; das Königshaus, ideal in Kombination mit ersterem; und Enthüllungen aus der Nazi-Zeit.

Die Sunday Times beherzigt unter der Führung des hemdsärmeligen Schotten Andrew Neil dieses Erfolgsrezept wie kein anderes Blatt. Die rund 100 000 Pfund, die das Blatt in die Goebbels-Tagebücher investierte (drei Viertel davon sollen an David Irving gehen), fallen da ebensowenig ins Gewicht, wie die Ausgaben für reißerische Fernseh-Werbespots, die sensationelle Einblicke ins Seelenleben der Nazi-Größen verheißen, oder Plakate in britischen Städten, auf denen dräuende Hakenkreuze prangen, als sei den Nazis die Eroberung der Insel doch noch gelungen.

Noch nie verlor eine Zeitung Geld, wenn sie versuchte, den schier unersättlichen Appetit der britischen Öffentlichkeit auf Geschichten über Adolf Hitler und seine Kumpane zu stillen. Die Nation ist wie besessen von der Erinnerung an die Zeit des Dritten Reichs und des Zweiten Weltkrieges. Sie ähnelt einem Kind, das nichts lieber tut, als genüßlich-schaudernd Geschichten über den schwarzen Mann zu lauschen – nicht zuletzt deshalb, weil sie sich in der wohligen Gewißheit wiegen darf, daß es dank des britischen Heroismus ein "Happy-End" gab.

Immerhin war der Zweite Weltkrieg die letzte Gelegenheit, bei "der die britische Nation bewiesen hat, daß sie Großes zu leisten imstande ist", wie der Leitartikler des Daily Telegraph einmal entwaffnend feststellte. Je bedrohlicher und gefährlicher die Nazis präsentiert werden, um so besser läßt sich die historische Leistung der Briten herausstreichen.

Allein schon wegen dieser "nationalen Obsession" (Daily Mail) löste der Coup der Sunday Times einen Pressekrieg aus, wie ihn Fleetstreet lange nicht mehr erlebt hat. Die Sunday Times konnte sich ihres Erfolges nicht lange freuen. Die Konkurrenz versuchte, so hart wie möglich zurückzuschlagen. Am erfolgreichsten operierte dabei wieder einmal die Daily Mail, deren Chefredakteur Sir David English nachgesagt wird, er gönne seinem Rivalen Andrew Neil "nicht das Schwarze unter den Fingernägeln", wenn es um eine auflagensteigernde Exklusivstory geht. Der Daily Mail gelang es, bereits zwei Tage vor dem ersten Abdruck der Goebbels-Tagebücher in der Sunday Times, ihren Lesern "bislang nie veröffentlichte Auszüge" zu bieten.

Das Blatt hatte sich den Ärger des Münchner Instituts für Zeitgeschichte zunutze gemacht. Die Münchner Historiker standen in Verhandlungen mit dem Moskauer Archiv, da kam ihnen das Sunday-Times-Team, bestehend aus Reporter Peter Millar und Historiker David Irving, in die Quere, Ein anderer Rivale der Sunday Times, der Independent, begnügte sich damit, die Rolle des Spielverderbers und Moralapostels zu spielen. Durch glückliche Umstände (und die "Geschwätzigkeit Irvings" – so ein Insider bei der Sunday Times) stieß der Moskau-Korrespondent des Blattes in der russischen Hauptstadt auf die Fährte der Sunday Times. Fortan gab sich der Independent alle Mühe, aus dem Wissen Kapital zu schlagen und das Sonntagsblatt wegen der unheiligen Allianz mit David Irving als "verantwortungslos" anzuprangern. Der liberale Observer schließlich, seit geraumer Zeit nur noch ein Schatten seiner früheren Größe, eröffnete eine weitere Front. Er prophezeite vielleicht etwas voreilig den Niedergang, wenn nicht des’Murdoch-Blattes, so doch der Karriere seines Chefredakteurs. Die Blätter aus dem Hause des australisch-britisch-amerikanischen Medienzaren Rupert Murdoch ließen diese Attacken nicht unbeantwortet. Sie warfen ihren Rivalen Neid, Mißgunst und nicht zuletzt ein gerüttelt Maß an Heuchelei vor.

Im Grunde kann der Sunday Times nur die Verbindung mit David Irving vorgeworfen werden. Diese Verbindung hat den deutschen Spiegel nicht davon abgehalten, die Rechte für die Veröffentlichung von dem britischen Blatt zu erstehen. Nur die mit Maschine geschriebenen Teile der Tagebücher wurden direkt nach Hamburg weitergeleitet, ansonsten griff das Nachrichtenmagazin genau wie die Sunday Times auf die Übertragung der handschriftlichen Teile durch Irving zurück.

David Irving ist in der Tat eine dubiose Figur. Aufgrund seiner Thesen ist er zum Heroen der extremen Rechten auf allen Kontinenten geworden. Der Holocaust sei ein Mythos, versichert Irving, geschaffen von der jüdisch-alliierten Greuelpropaganda. Die Gaskammern in Auschwitz seien "nachträglich von den Polen als Touristenattraktion eingebaut worden". In seinem Buch "Hitler’s War" hatte er das "Tagebuch der Anne Frank" als "Fälschung" bezeichnet. Er wurde später gerichtlich gezwungen, diesen Vorwurf zurückzunehmen und eine Entschädigungssumme an die Anne-Frank-Stiftung zu zahlen. Der germanophile Historiker mit dem akzentfreien Deutsch liebt es, sich als einsamer Kämpfer für die Wahrheit darzustellen. Er "allein habe den Mut, zu drucken, was andere aus Angst nicht zu publizieren wagten". Irving kann den zahlreichen Einladungen kaum nachkommen; alle wollen seinen revisionistischen Thesen lauschen: bürgerlich-wohlanständige Altnazis in Deutschland, Versammlungen der British National Party, ostdeutsche Skinheads oder Rechtsextremisten in Amerika. Gelegentlich tritt er vor Gericht als "Experte" auf, um Angeklagten beizuspringen, die, wie er selbst, den Holocaust leugnen. Nach Deutschland dürfe er seit geraumer Zeit nicht mehr einreisen. Das hält ihn nicht davon ab, immer wieder für eine Stippvisite zu Gesinnungsgenossen über die Grenze zu schlüpfen. Solche Heldenhaftigkeit wird nicht nur mit tosendem Beifall, sondern auch mit lauten "Sieg Heil"-Rufen bedacht.

Der Sunday Times ist diese unappetitliche Seite Irvings nicht unbekannt. Chefredakteur Andrew Neil verteidigt sich: Man sei nur an dem "exzellenten Techniker" Irving interessiert, weil er einer der wenigen sei, der die krakeligen Schriftzeichen von Goebbels zu entziffern vermöge. Irving sei ein "Amateurnazi". Angesichts wachsender Proteste aus der jüdischen Gemeinde und einer Reihe von Parlamentariern hat sich die Sunday Times doch noch zu einigen Gesten entschlossen: Der Oxforder Historiker Norman Stone wurde angeheuert, Irving auf die Finger zu schauen. Auswahl und Übersetzung der für die Veröffentlichung vorgesehenen Teile der Tagebücher blieben ausschließlich dem Redakteur Peter Miliar vorbehalten. Auch ließ man einen jüdischen Theologen zu Worte kommen, der erklärte, warum er die Handlungsweise der Sunday Times für gerechtfertigt halte und die Mitwirkung David Irvings keine Beleidigung für die jüdische Gemeinde darstelle.

Die Tagebücher des Propagandaministers der Nazis mögen nicht "welterschütternde neue Einblicke" bieten oder "verlorene Geheimnisse der Nazis preisgeben". Eine wichtige historische Quelle sind sie allemal. Darin gehen die meisten britischen Historiker mit ihren deutschen Kollegen einig. Daß sie mit Vorsicht gelesen werden müssen, weil Goebbels ein notorischer Lügner, Verdreher und Schönfärber war und er sein Tagebuch mit Blick auf künftige Generationen verfaßt hat, versteht sich von selbst.

Schon jetzt zeichnet sich ab, daß die Veröffentlichung bislang unbekannter Passagen Dispute unter britischen Historikern neu aufleben läßt. So verspricht das Material über die Zeit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges neue Einsichten und scheint die Auffassung des britischen Historikers A.G.P. Taylors zu widerlegen, Hitlers Pläne seien ursprünglich begrenzten Charakters gewesen und hätten hauptsächlich der Beseitigung der in Versailles geschaffenen Lage in Mitteleuropa gegolten. Ob die britischen Zeitungsleser an solchen Feinheiten historischer Interpretation interessiert sind, darf freilich bezweifelt werden.

Die Veröffentlichung der Tagebücher wird für die Sunday Times wohl ein gerichtliches Nachspiel haben. Das Blatt hat sich von Beginn an geweigert, dem 76jährigen Schweizer Geschäftsmann Fränçois Genoud Urheberrechts-Gebühren zu bezahlen. Genoud ist ein glühender Verehrer Hitlers ("ein großer Mann") und sympathisiert mit rechtsextremen Auffassungen. Er sorgte dafür, daß Adolf Eichmann einen Verteidiger bekam, und es wird behauptet, daß er während des Zweiten Weltkrieges deutsche Flüchtlinge in der Schweiz für die Gestapo bespitzelt habe. Fest steht, daß er seit 1954 im Besitz aller urheberrechtlichen Verwertungsrechte am Nachlaß von Goebbels ist. Zwischen Genoud und Irving macht die Sunday Times einen feinen Unterschied. Irving sei ein spinnerter Neonazi, der das verbriefte Recht auf Meinungsfreiheit sicherlich allzu sehr strapaziere, Genoud aber sei ein "unappetitlicher Altnazi", mit dem sich Geschäfte von selbst verböten. Mail und Spiegel waren so pingelig nicht.