Von Dieter E. Zimmer

Die Oper Unter den Linden ist nach der Wende schnell zum ersten Haus am Platz geworden, obwohl ihr Spielplan noch unauffällig ist. Gegenüber, bei der Humboldt-Universität, hat sich der Spielplan zwar erheblich verändert, aber zu einer ersten Adresse wird sie es wohl noch lange nicht bringen. Immerhin: Einen entscheidenden Schritt hat sie jetzt vielleicht doch getan.

In der vorigen Woche hat ihr Konzil (31 Professoren, je 10 Vertreter des Mittelbaus, der Angestellten und der Studenten) eine Präsidentin gewählt: Marlis Dürkop, eine 48jährige Soziologin aus Berlin-West, Professorin der Fachhochschule für Sozialwissenschaften und Sozialpädagogik, deren Rektorin sie von 1986 bis 1990 war, eine 68erin, die seitdem für die Bürgerrechte ficht, Abgeordnete seit 1991 (das Mandat legt sie nun nieder), hochschulpolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Grüne. Um das Präsidentenamt der Humboldt-Universität (HU) hatte sie sich ohne Patronage beworben. Ihre einzige Empfehlung war die Mitarbeit im Kuratorium der HU, wo sie sich deren Probleme anhören konnte. Wenn sie obsiegte, dann allein aufgrund des ausgezeichneten Eindrucks, den sie bei den vielen offiziellen und inoffiziellen Anhörungen gemacht hatte: bestimmt, aber unaufgeregt, sachlich, aber auch ein bißchen mütterlich, keine Illusionen schürend, aber auch kein bißchen defätistisch, durchaus beschlagen im kalten politischen Geschäft, aber doch nicht so glatt, daß sie nicht den Satz über die Lippen gebracht hätte, nach dem viele Humboldtianer lechzten und der ihr den Wessi-Malus nahm: Ja, es habe Demütigungen gegeben, und vielleicht sei ihre Bewerbung "ein Versuch, ein wenig davon wiedergutzumachen".

Dabei war die Findungsprozedur gar nicht auf eine wie sie hinausgelaufen. Was für ein Mensch an der Spitze der HU stehen sollte, darüber waren sich die Studentenvertreter mit dem Wissenschaftssenator, mit dem sie selten übereinstimmen, nahezu einig. Die Studentin Katrin Werlich: "Am liebsten wäre uns natürlich einer von hier gewesen, ein Professor aus der Universität – einer wie Heinrich Fink es war. Aber der war eine Figur der Nachwendezeit; nur mit Charisma läßt sich eine solche Uni heute nicht mehr steuern." Senator Manfred Erhardt: "Meine Utopie war, es würde ein Präsident aus der Humboldt-Universität gefunden, der kraft seiner wissenschaftlichen Position auf die Universität abstrahlt."

Als die HU im April ihrer Rektoratsverfassung jäh den Abschied gab, geschah es in der Einsicht, daß sie unter Finks Rektorat in die Sackgasse geraten war. Ob er die Erneuerung der HU wirklich bremsen wollte, wie die einen hofften und die anderen fürchteten, ist offen. Aber da es eine Selbsterneuerung, und zwar eine "mit den vorhandenen Menschen" sein sollte, hatten sich unter seiner Regentschaft auch die alten Kader Hoffnungen auf ihr berufliches Überleben machen können. Er hatte die Abwicklungsbescheide des Senats gegen einige Ideologiefächer zurückgewiesen und vor Gericht sogar Recht erhalten, stand also für mannhaften Widerstand gegen das Besserwessitum. Der Widerstand nützte der HU nur nichts, denn er verkannte, daß der Verkleinerungsdruck weniger von westlichen Säuberungsgelüsten diktiert wurde als von etwas viel Zwingenderem: Berlins finanzieller Notlage. Dann der Wirbel um Finks Kontakte zum MfS und seine Entlassung; auch da unterlag der Senator zwar vor dem Arbeitsgericht, aber der Schmutz blieb hängen, und nun an der ganzen Universität. Schließlich noch seine fachliche Demontage, als ihm die Struktur- und Berufungskommission des eigenen Fachbereichs, der evangelischen Theologie, die Qualifizierung für eine Professur absprach. Nicht einmal dem verletzten Stolz konnte ein so angeschlagener Charismatiker mehr Trost sein.

In dieser Lage hat man sich wohl gesagt: Wennschon – dennschon oder A Wessi for President, und zwar ein kräftiger, der alle Finessen des Geschäfts beherrscht, der die angeschlagene Universität nach außen profihaft verteidigt und Beziehungen nach oben hat und Drittmittel einwirbt und wer weiß was noch für Wunder wirkt. "Denn die Humboldtianer sind heute ja so schwach wie nur was", sagt der Westberliner Rechtshistoriker Uwe Wesel, der selber als Wunschpräsident im Gespräch war, aber nie im Traum an eine Kandidatur dachte; seiner Meinung kann jemand, der wie er (und wie Dürkop) mit dem Image eines "wilden Linken" behaftet ist, der HU derzeit nur eine Last sein. "Sie sind wissenschaftlich schwach, sie sind verängstigt, und sie verstehen politisch die Welt nicht mehr." Nur um den Kandidatenkreis weiter ziehen zu können, entschieden sie sich für die Präsidialverfassung.

Viele drängte es nicht in das schwierige Amt. Einer der drei Kandidaten immerhin kam dem Wunschbild nahe: Peter Glotz, kein Gelehrter zwar, aber ein luzider Intellektueller, der sich in seinen vier Jahren als Westberliner Wissenschaftssenator zudem einen Ruf als offener, zupackender und fairer Administrator gemacht hat. Doch als Glotz dann leibhaftig vor ihnen saß und sich gewissermaßen als Allzweckzampano anpries, zwar in die Probleme noch nicht weiter eingeweiht, aber kraft seines Drahts zu den höchsten Etagen der Republik imstande, für die HU manch gutes Wort einzulegen, wurde so viel tüchtige Kühle vielen unheimlich. Der dritte, Adolf Zschunke, Chemieprofessor an der HU, war von vornherein ohne Chance: Zwar "einer von hier" und ein honoriger Mann, war er jedoch nicht nur ganz ohne jene Darstellergabe, die ein Präsident dieser Universität in diesen Zeiten braucht; als an Finks Stelle amtierender Rektor hatte er bewiesen, daß ein Ossi eben nichts bewirkt, hatte sich sogar den Ruf eines Kuschers eingehandelt.