ZEIT: Herr Samaranch, Sie haben als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die olympische Bewegung total kommerzialisiert. Ist das für Sie ein Lob oder ein Vorwurf?

Samaranch: Ich sehe das als großes Lob an. Denn wir sind dem gefolgt, was unsere Gesellschaft will. Ohne Kommerzialisierung könnte der Sport heute praktisch nicht mehr bestehen. Aber wir haben im IOC immer gesagt, daß bestimmte Grenzen für diese Kommerzialisierung festgelegt werden.

ZEIT: Wo liegen diese Grenzen?

Samaranch: Die Olympischen Spiele sind das einzige sportliche Großereignis in der Welt, bei dem es keine Werbung im Stadion gibt. Und wir gestatten auch keinerlei Werbung auf den Trikots der Athleten. Das heißt, auf der einen Seite sagen wir: herzlich willkommen, Kommerzialisierung; andererseits muß diese Kommerzialisierung durch den Sport kontrolliert sein.

ZEIT: Ist diese Kontrolle überhaupt möglich? Die Sportler treten doch heute eher für ihre Schuhmarken an als für die Länder, aus denen sie kommen. Ist das im Sinne des IOC?

Samaranch: Ich glaube, daß die Sportler nicht Geld, sondern Siege als das Wichtigste ansehen. Und für olympische Siege gibt es kein Geld.

ZEIT: Für Siege nicht, aber Medaillengewinner können durch Werbung oder bei Sportfesten gut verdienen. Und wer zahlt, möchte Einfluß nehmen. Regiert nicht die Industrie den Sport?

Samaranch: Was ich eben schon gesagt habe: Wir brauchen die Kommerzialisierung, denn wir konnten nicht nur von Übertragungsrechten des Fernsehens abhängen. Aber diese Kommerzialisierung ist völlig unter Kontrolle.

ZEIT: Ihnen wird nachgesagt, Sie seien nur mit Hilfe eines Industriellen – des inzwischen verstorbenen Horst Dassler von adidas – Präsident des IOC geworden.

Samaranch: Ich spreche nicht gerne über eine Person, die nicht mehr lebt; eine Person, die ein guter Freund von mir war und die viel für den Sport in der Dritten Welt getan hat. Ich bin von den Mitgliedern des IOC gewählt worden, und zwar mit großer Mehrheit und im ersten Wahlgang. Die Mitglieder des IOC lassen sich von niemandem beeinflussen.

ZEIT: Da sind die britischen Autoren Vyv Simson und Andrew Jennings aber völlig anderer Ansicht. In ihrem Buch "Geld, Macht und Doping" behaupten sie, einige IOC-Mitglieder seien bestechlich.

Samaranch: In welchem Sinne?

ZEIT: Zum Beispiel würden teure Geschenke von Städten angenommen, die sich um die Ausrichtung Olympischer Spiele beworben haben. Dafür gibt es Beweise.

Samaranch: Ich habe völliges Vertrauen in alle Mitglieder des IOC. Das sind Männer und Frauen, die einen großen Teil ihres Lebens der olympischen Idee widmen und die dafür manchmal wirklich Opfer bringen.

ZEIT: Simson und Jennings sind eher der Ansicht, einige Mitglieder des IOC lebten dank ihrer Stellung in Saus und Braus.

Samaranch: Nun, jeder kann sagen, was er will. Wir haben ein gutes Gewissen. Das sind Verleumdungen und Beleidigungen.

ZEIT: Bei dem großen Geschäft, das der Sport mittlerweile ist, sind Zweifel angebracht, ob das IOC wirklich unabhängig entscheiden kann.

Samaranch: Hinsichtlich der Wirtschaft sind wir fast völlig unabhängig. Hinsichtlich der Politik ist unsere Unabhängigkeit relativ. Denn die Politiker dominieren in der Welt. Wir waren in den letzten Jahren gezwungen, viele Entscheidungen zu treffen, die sich letztlich von politischen Entscheidungen herleiteten. Das jüngste Beispiel ist die Frage, ob eine jugoslawische Mannschaft an den Olympischen Spielen teilnehmen kann. Dahinter steckt ein politisches Problem, das großen Einfluß auf den Sport ausübt.

ZEIT: Sie sehen in der Politik demnach eine größere Bedrohung für den Sport als in der Kommerzialisierung?

Samaranch: Eine viel größere Bedrohung. Die Kommerzialisierung hilft dem Sport; aber manchmal ist es so, daß die Politik dem Sport schadet.

ZEIT: Wir haben aber den Eindruck, als könne auch die Kommerzialisierung dem Sport schaden. So haben die amerikanischen Fernsehsender verlangt, daß die Endkämpfe der Leichtathleten bei den Spielen von Seoul 1988 zur besten Sendezeit in Amerika ausgetragen werden, weil das die höchsten Werbeeinnahmen sichert. Nach Seouler Ortszeit hätte dies morgens sein müssen. Athleten sind dann nicht besonders gut drauf.

Samaranch: In Seoul wurden die Wettkämpfe letztendlich zu den in diesem Land normalen Zeiten ausgetragen. Und das gilt auch in Barcelona. Das Programm von Barcelona ist für die Personen, die ins Stadion kommen, ausgerichtet, nicht für die Fernsehzuschauer.

ZEIT: Noch nie wurden so viele Medaillen vergeben wie in Barcelona. Zum Beispiel stehen neuerdings auch Baseball und Badminton auf dem Programm. Jede Sportart drängt nach Olympia, weil sie so leichter Sponsoren gewinnen kann. Den Spielen tut das nicht gerade gut.

Samaranch: Für die große Bedeutung der Olympischen Spiele muß man manchmal auch einen Preis zahlen. Der Preis in Zusammenhang mit dem Programm besteht ein bißchen in der Gefahr des Gigantismus. Wir haben jetzt 25 Sportarten im Programm. Ich glaube, das ist eine Grenze. Und ich glaube auch, daß das olympische Programm überprüft werden muß. Das werden wir 1994 anläßlich des olympischen Kongresses in Paris tun.

ZEIT: Die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit fanden 1896 in Athen statt. Allgemein war erwartet worden, daß Athen die Spiele 1996 wieder ausrichten darf. Doch dann erhielt Atlanta den Zuschlag. Wegen Coca-Cola, das dort seinen Hauptsitz hat?

Samaranch: Coca-Cola hat vier der sechs Kandidaten unterstützt. Darunter war auch Athen. Coca-Cola ist ein multinationales Unternehmen, das in der ganzen Welt einen guten Namen haben möchte.

ZEIT: Wenn der Sport schlechte Schlagzeilen macht, dann meist wegen Doping. Könnte Doping den Sport kaputtmachen?

Samaranch: Doping ist eine Gefahr für den Sport, für die Gesundheit der Athleten – und es ist eine Fälschung der Ergebnisse, die wir nicht akzeptieren können. Das IOC war die erste Organisation, die den Kampf gegen das Doping aufgenommen hat. Das war im Jahre 1968 anläßlich der Olympischen Spiele in Mexiko. Seitdem gibt es bei uns einen sehr geachteten ärztlichen Ausschuß. Und viele Jahre lang haben wir ganz allein auf diesem Gebiet gekämpft.

Doch dann kam das Jahr 1988 mit den Spielen in Seoul, und da wurde der populärste Leichtathlet dieser Spiele suspendiert, der Sprinter Ben Johnson – vom IOC. Viele haben damals geglaubt, dies sei ein schwarzer Tag für die Leichtathletik. Aber es war ein ganz wichtiger Tag für die Gegenwart und die Zukunft des Sports. Denn seit diesem Tag sind wir nicht mehr allein. Die nationalen Verbände stehen auf unserer Seite, die Regierungen und auch die Medien. Ich glaube, diesen Kampf gewinnen wir. Und ich bin sicher, daß wir in Barcelona sehr wenige Dopingfälle haben werden, wenn überhaupt einen. Niemand kann uns beim Kampf gegen das Doping Lektionen erteilen.

ZEIT: Kritiker sehen das anders: Sie behaupten, das IOC würde zuwenig tun. Könnte es daran liegen, daß man keine schlechten Nachrichten produzieren will, die Sponsoren verschrecken könnten?

Samaranch: Ich kann Ihnen versichern, daß die Dopingkontrollen, für die wir verantwortlich sind, nicht besser sein könnten.

Aber ich möchte Ihnen auch eine Frage stellen: Sind Sie nicht der Meinung, daß wir irgend etwas gut gemacht haben?

ZEIT: Sie wollen Lob?

Samaranch: Ich will gar nicht, daß Sie uns loben. Aber wir werden angeklagt, daß wir Geld haben. Sie könnten uns vorwerfen, daß wir das Geld mit vollen Händen hinausschmeißen. Aber die Tatsache, daß wir es haben, ist doch eigentlich ein Beweis dafür, daß wir unser Geld zusammenhalten können, Diese Organisation funktioniert mit 62 Personen. Wenn Sie das mit anderen internationalen Organisationen vergleichen, dann ist das doch eigentlich nichts. Wir haben das IOC demokratisiert. Wir haben Ausschüsse für Sportler eingerichtet. Also, vielleicht finden Sie ja doch irgendeine Kleinigkeit, die wir gut gemacht haben.

ZEIT: Es sieht so aus, als wären die Sportstätten rechtzeitig zu Beginn der Spiele fertig. Allerdings müssen wir nun schon wieder Kritik üben. Viele Sportfans beklagen sich, daß es zuwenig Hotels in Barcelona gibt.

Samaranch: Das ist bei allen Olympischen Spielen so. In Barcelona sind ziemlich viele neue Hotels entstanden. Es dürfen natürlich auch nicht zu viele Hotels gebaut werden, die dann nach den Spielen niemand nutzt.

ZEIT: Die größte Sorge ist, daß die baskische Befreiungsorganisation Eta während der Spiele Attentate verüben könnte.

Samaranch: Sie wissen, daß seit München 1972 bei Olympischen Spielen keine Terroranschläge mehr vorgekommen sind. Und wir hoffen, daß es so weitergehen wird. Die Position des IOC zum Terrorismus in Spanien ist die: Einerseits bringen wir unsere Sorge zum Ausdruck, aber andererseits vertrauen wir voll der spanischen Regierung. Sie hat immer wieder gezeigt, daß sie internationale Großereignisse glatt über die Bühne bringt – ganz konkret bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1982 und jetzt seit drei Monaten bei der Expo in Sevilla. Bei all diesen Ereignissen ist absolut nichts passiert. Das gleiche erhoffen wir uns natürlich für die Olympischen Spiele.

ZEIT: Damit nichts passiert, wird an jeder Ecke ein Polizist stehen müssen. Werden das noch heitere Spiele?

Samaranch: Es wird nicht so viele Polizisten geben, wie Sie meinen. Nach dem, was in München passiert ist, bedürfen alle internationalen Großereignisse strenger Sicherheitsvorkehrungen. Das ist einfach ein Preis, der gezahlt werden muß.

Mit Juan Antonio Samaranch sprachen Dirk Kurbjuweit und Volker Mauersberger