Von Eckhard Roelcke

Der erste Tag beginnt abends um halb zehn mit einer Frage: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ Im Hintergrund stehen, hell erleuchtet, Ruinen der alten Welt: die Hochöfen mit ihren Kuppeln und Röhren, Gittern, Treppen und eisernen Stegen. Ein Industriepark, in dem unter freiem Himmel ein Podium für das Orchester aufgebaut ist; rechts und links und auf einer Brücke und darunter stehen Chöre und singen Werke von Heinrich Schütz. Duisburg-Meiderich – ein Ende der Welt.

Es geschah auf einem Festival in Nordrhein-Westfalen, wo das Ruhrgebiet zwölf Monate lang zum musikalischen Erforschungs- und Entdeckungsland gemacht wird. Sein Titel: „Aufbrechen Amerika“. Wir sind im Kolumbus-Jahr. Soeben haben der Regisseur Christof Nel und der Dirigent Eberhard Kloke – als Höhepunkt des Festes – eine „Reise an drei Tagen“ mit Konzerten und Lesungen an ungewöhnlichen Orten inszeniert. Das Motto hieß: „Die Enden der Welt“.

Die Reise beginnt in Duisburg, auf dem Gelände des ehemaligen Hüttenbetriebs Meiderich, mit Chorwerken von Heinrich Schütz. Ein Schauspieler (Peter Brombacher) rezitiert aus der „Landschaft mit Argonauten“ von Heiner Müller: „Der Anker ist die letzte Nabelschnur. Mit dem Horizont vergeht das Gedächtnis der Küste. Vögel sind ein Abschied, sind ein Wiedersehen.“

Ein paar Scheinwerfer gehen aus. Das Orchester spielt Dvofäks 9. Sinfonie „Aus der neuen Welt“, eine strahlende, pathetische Musik, aber es wird immer dunkler. Dann sind fast alle Lichter erloschen, und von der alten Welt ist nur noch wenig zu sehen.

Die Dramaturgie des Konzertes versteht man aber erst nachträglich im Verlauf der weiterer. Reise: entdecken und erneuern; das eigene Haus verlassen, in eine fremde Welt eindringen und „das Land nehmen“; dann zurückkehren und das Alte (vielleicht) neu erkennen – das war die Idee dieses Konzertspektakels, das von der Stadt Bochum, den Bochumer Sinfonikern und der Stiftung Kunst und Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen organisiert wurde. Es war eine logistische Meisterleistung. Denn mehr als fünfhundert Zuhörer spielten Kolumbus im eigenen Land und setzten sich in Bewegung – mit einem Sonderzug und einem Schiff, mit Bussen und zu Fuß.

Sie brachen auf, um aufzubrechen: aus Traditionen, Hörgewohnheiten und konventionellen Konzertprogrammen; um das Nebeneinander von alter und neuer, von europäischer und amerikanischer Musik zu erleben; um zum Beispiel eine Motette des Deutschen Heinrich Schütz aus dem 17. Jahrhundert („Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn?“) mit der beschaulichen Stimmung im „Central Park in the Dark“ von Charles Ives zu verbinden; um einmal „richtig“, also außerhalb des Konzertsaales, hören zu können, wie fern ein Fernorchester von Ives wirklich klingen muß und wie „naturalistisch“ die lärmende, ausgelassene Musik die Stimmung im Central Park (im Landschaftspark Duisburg-Nord) überlagert.