Von Heinz-Peter Arndt, Mycle Schneider und Ludwig Siegele

Superphenix heißt er, nach dem mythologischen Silberreiher, der regelmäßig aus der Asche kommt. Doch der Schnelle Brüter Frankreichs sieht nicht so aus, als würde er demnächst abheben. Den runden Betonklotz, eingerahmt von gelben Türmen und grauen Lagerhallen, könnte man locker über den Pariser Triumphbogen stülpen. Mehr als achtzig Meter Höhe mißt der neuzeitliche Technosaurier am Ufer der Rhone, etwa eine Autostunde östlich von Lyon.

Die Innereien des nuklearen Fabeltiers von Creys-Malville wirken auch nicht gerade flugtauglich. Fast fünftausend Kilo Plutonium stecken in seinem Reaktorkern – genug, um die gesamte Menschheit mehrfach zu vergiften. Genauso viele Tonnen flüssiges Natrium sollen den Meiler kühlen und Dampf erzeugen. Und wenn die beiden riesigen Turbinen auf Vollast laufen, dann produziert das Kraftwerk genug Strom, um eine Millionenstadt wie Lyon zu versorgen.

An diesem Dienstag im Juni liefert der Reaktor aber keine einzige Wattsekunde: "0000 MW", zeigt das große Display in der Leitstelle – wie schon seit dem 3. Juli 1990, als der äußerst anfällige Meiler wegen Sauerstoffspuren im Natrium erneut abgeschaltet wurde. "Bald geht es wieder los. Die Pumpen des Sekundärkreislaufs laufen schon. Es wurde ja auch höchste Zeit", freut sich einer der Reaktorfahrer. Denn nach genau zwei Jahren Stillstand erlischt die Betriebsgenehmigung.

Doch Anfang Juli entschied Paris anders: Superphénix wird wohl nie mehr ans Netz gehen. Überraschend verkündete der französische Premierminister Pierre Bérégovoy, der Plutoniumbrüter bleibe vorerst abgeschaltet. Wegen Sicherheitsproblemen, lautete die offizielle Version. Aber das war nicht der einzige Grund: Die Sozialisten wollten ein mögliches Wahlabkommen mit den Grünen nicht torpedieren, für die das Ende des Schnellen Brüters eine Vorbedingung ist.

Nicht nur für die Umweltpartei war der Meiler ein Symbol. "Mit dem Schnellen Brüter werden wir ein Energiepotential haben wie Saudi-Arabien", hatte der damalige Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing noch im Januar 1980 getönt. Heute erinnert Superphenix eher an den unsinnigen Überschallflieger Concorde: Der Reaktor lieferte lediglich 153 volle Tage Strom und kostete im Bau nach heutigen Preisen fast neun Milliarden Mark – macht knapp 2,4 Millionen pro Betriebsstunde.

Klar, daß der nationale Stromversorger Electricitéde France (EDF) da Gefahr wittert: Der Pleitegeier könnte die Franzosen dazu anregen, sich Gedanken über den gesamten Nuklearkomplex zu machen. Kürzlich startete der Monopolist eine teure Werbekampagne. Szene aus einem Kinospot: "Wissen Sie, Jeanne, wenn wir heute tanzen, dann dank der Elektrizität ... dank des Atoms", flüstert ein junger Mann seiner Partnerin ins Ohr. Abspann: "Heute sind 75 Prozent des Stroms nuklear."