Das war eine ganz innige Familie" – so das einhellige Urteil über die Brombergers, diese beinahe vergessene jüdische Künstlerfamilie, die in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts das Bremer Kulturleben nachhaltig geprägt hat. David Bromberger, der Vater, ein Freund von Johannes Brahms, war ein hochbegabter Musiker, dessen Ruf damals weit über die Hansestadt hinausging. Er genoß höchste öffentliche Anerkennung, bekam wegen seiner musikalischen Verdienste den Professorentitel verliehen. Freunde, Bekannte und Schüler schildern ihn als bescheiden, gütig, liebenswürdig, humorvoll, als "Mensch ohne Allüren, dem Leben zugetan". Die Eltern gehörten dem jüdischen Glauben an, doch ihre drei Kinder, Siegfried, Dora und Henriette, ließen sie christlich taufen. Nach dem frühen Tod der Mutter lebten die Töchter beim Vater, "sehr weiche Menschen alle drei".

Henriette gehörte zu den bedeutendsten Bremer Musikerinnen der damaligen Zeit, wurde als Pianistin gefeiert, als Klavierlehrerin verehrt. Dora, "die so herzhaft lachen konnte", studierte Malerei in München, stellte ihre Bilder erfolgreich aus; ihr sensibles Talent wurde gerühmt. Doch bald schon verspürte sie wieder "Sehnsucht nach dem grauen Himmel Bremens" und kehrte in ihre Heimatstadt zurück. Hier, im Kreise ihrer Familie und Freunde, fühlte sie sich verwurzelt.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme mußten die beiden Frauen – der Vater war 1930 gestorben – erleben, wie sie langsam aus der Öffentlichkeit, in der sie als Künstlerinnen so hohe Anerkennung gefunden hatten, verdrängt und nach und nach ihrer beruflichen Existenz beraubt wurden. Dora konnte kaum noch ein Bild verkaufen, Henriette durfte keinen Klavierunterricht mehr erteilen, nur selten noch heimlich ein Hauskonzert geben. Halt und Trost suchten die Schwestern in ihrer Kirche und bei den wenigen Freunden, die auch weiterhin zu ihnen standen. Am 18. November 1941 gehörten Dora und Henriette Bromberger, damals 59 und 60 Jahre alt, zu den 570 Juden, die aus Bremen nach Minsk deportiert, in den Tod geschickt wurden. Der 28. Juli 1942 gilt als ihr Todesdatum.

Dem Bremer Lehrer Rolf Rübsam ist es zu verdanken, daß das Schicksal dieser jüdischen Künstlerfamilie – exemplarisch für viele andere – aus dem Schatten des Vergessens geholt wurde. Er hat zahlreiche Zeitzeugen aufgespürt, die den Brombergers einst nahestanden, sowie Briefe, Schriftstücke, Zeitungsberichte und Photos aus Privatbesitz zusammengetragen. Seine einfühlsame Dokumentation zeigt – so Heinrich Albertz im Vorwort – "ein Stück deutscher, jüdischer, deutsch-jüdischer Kultur-, Kunst- und Musikgeschichte. Ein Beispiel für die schwache Menschlichkeit in der Stunde der Bewährung."

Gisela Heitkamp

  • Rolf Rübsam:

Die Brombergers