öglicherweise gibt es Meldungen, die mehr Aufsehen erregen als diese: Der vor einem Jahr mit großen Hoffnungen gestartete "Sachsenfonds" wird scheitern, weil er nicht genügend Geld bekommt. Die sächsische Landesregierung hatte ihn 1991 ins Leben gerufen, um damit Arbeitsplätze zu erhalten und den Aufbau eines Mittelstandes im Osten zu fördern. Der Fonds hätte Treuhandbetriebe übernehmen und deren Verkauf an ostdeutsche Manager vorbereiten sollen. Das Kapital – insgesamt eine halbe Milliarde Mark – sollten Versicherungen und Banken bereitstellen. Eine vergebliche Hoffnung – die Investoren scheuten das Risiko und der mit so viel Vorschußlorbeeren gestartete Fonds wird wohl nie seine Arbeit aufnehmen.

Das Scheitern dieses Projekts ist nur eine kleine Facette des ostdeutschen Wiederaufbauproblems, aber es macht schlaglichtartig deutlich, worum es bei diesem Problem im Kern geht: Fast zwei Jahre nach der Vereinigung Deutschlands fließt immer noch viel zuwenig Kapital in die neuen Bundesländer, die Kluft zwischen den Deutschen wächst – nicht nur psychologisch, sondern auch ökonomisch.

Diese Erkenntnis mag manchen überraschen, der die Baustellen an Ostdeutschlands Autobahnen sieht, die Baukräne und den atemberaubenden Wandel im Erscheinungsbild der Städte. Sie scheint auch im Widerspruch zu mancher Erfolgsmeldung der offiziellen Wirtschaftspolitik zu stehen. Etwa der, daß Bund und Länder bereits Investitionshilfen von sechs Milliarden Mark für den Osten bezahlt haben oder daß bei der Treuhandanstalt Investitionszusagen über 140 Milliarden Mark vorliegen.

Diese Zahlen sind beeindruckend – aber die Investitionslücke im Osten ist eben noch viel größer, als die Westdeutschen glauben. Zwar steigen in diesem Jahr die öffentlichen und privaten Investitionen in Ostdeutschland auf 94 Milliarden Mark und werden 1993 wohl 120 Milliarden Mark erreichen. Trotzdem erreicht die Kapitalbildung pro Kopf der Bevölkerung in Ostdeutschland 1992 gerade sechzig Prozent und selbst im nächsten Jahr erst achtzig Prozent des westdeutschen Niveaus. Das heißt: Der Abstand zwischen Ost und West in der wirtschaftlichen Leistungskraft wächst, lediglich das Tempo, mit dem dies geschieht, wird geringer. Die Angleichung der Lebensverhältnisse in Deutschland jedenfalls hat noch gar nicht begonnen. Nikolaus Piper