Von Ulrich Schiller

Washington

Etliche waren böse, andere frohlockten, als Ross Perot sich ausgerechnet am 16. Juli aus dem Kampf um die Präsidentschaft zurückzog. Der texanische Milliardär habe Bill Clinton, dem Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, die Show gestohlen, hieß es in den Schlagzeilen des folgenden Tages. Als ob es darauf noch angekommen wäre. Der 16. Juli ist in zweifacher Hinsicht zu einer Zäsur im Wahlkampf 1992 geworden. Der Verzicht Ross Perots hat einen zwar faszinierenden, aber mit vielen Ungewißheiten beladenen Dreikampf auf die alten Gleise des Zweiparteiensystems zurückgebracht. Am Abend dieses denkwürdigen Tages endete der Parteikonvent der Demokraten, die nun mit vereinter Kraft nach der Macht im Weißen Haus greifen. Die Führungsqualität des Präsidentschaftsgespanns Clinton/Gore ist überzeugend. Mit einer Art "Godesberger Programm", das den großen Mittelstand locken soll, will Clinton die Demokraten wieder regierungsfähig machen wie weiland 1959 Herbert Wehner die Sozialdemokraten in der Bundesrepublik.

Es war ein Tag, an dem die Alternativen dieses Wahlkampfes klargestellt wurden; ein Tag, an dem allerdings auch Erwartungen, Hoffnungen und Illusionen zerstoben. Perot-Anhänger waren fassungslos, sprachlos, wütend, ungläubig. Manche weinten, als ihr Held kaltschnäuzig Bilanz zog und ging.

Unabhängige Präsidentschaftskandidaten hatte es ja schon des öfteren gegeben. Gesiegt hat noch keiner, aber vielleicht hatte auch noch keiner so große Chancen wie Ross Perot. Man hatte ihm zugetraut, mehr als ein Drittel aller Stimmen zu bekommen. Sein Zulauf entsprach dem Pegel der Politikverdrossenheit im Lande, entsprach der Enttäuschung über einen Präsidenten ohne Ideen und Programm, entsprach der Verachtung für einen Kongreß der Platzhalter und dem Ärger über ein Regierungssystem, das sich selbst blockiert. Die wenigsten würden freilich eingestehen, daß auch die Wähler Mitschuld tragen an dieser Selbstblockade, indem sie seit 1980 die Republikaner Reagan und Bush ins Weiße Haus und die Demokraten als Mehrheit ins Parlament geschickt haben.

Bezeichnenderweise gab Ross Perot das Rennen auf, als er gezwungen wurde, es (und damit auch sich) zu organisieren. Alte Profis der amerikanischen Wahlkampfführung hatte er noch eingekauft, Hamilton Jordan zum Beispiel (sorgte für Carters Sieg) oder Ed Rollins (leitete Reagans Wahlkampf). Aber es ergab sich alsbald, daß die Profis Strategien und Taktiken entwarfen, daß sie Fragen stellen mußten, die Perot nicht hören wollte, und Antworten forderten, die Perot nicht zu geben bereit war.

Ross Perot, ein Deus ex machina für die zahlreichen Gebrechen der amerikanischen Innenpolitik? Die Profis wußten, daß es das nicht gibt. An ihrer Reaktion – Rollins nahm den Hut – erkannte Perot schließlich, daß amerikanische Politik wohl doch nicht im Hauruck-Verfahren zu machen und er selbst in den vorgegebenen Koordinaten nicht politikfähig sei. Wenn das Geschäft nicht länger fun war, warum sich damit quälen? Perot war auch nicht "kritikfähig". Die mit zunehmender Schärfe gestellten Fragen der Presse zur Sache und zur Person empfand er als unverschämt und anmaßend. Er kappte also die Verluste, entledigte sich der Bürde des Wahlkampfes wie vor Jahren seiner Aufgabe bei General Motors.