Von Heinz-Günter Kemmer

Verstohlen schob Heyo Schmiedeknecht, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Babcock AG, seinem Aufsichtratsmitglied Friedel Neuber einen Zettel zu. „Wieviel haben Sie denn nun?“ wollte er wissen. Neubers Antwort: „Zehn Prozent.“ Schmiedeknecht gab diese Information an die Babcock-Aktionäre weiter. Sie hatten in der Hauptversammlung Auskunft darüber verlangt, welche Anteile die Westdeutsche Landesbank (WestLB), deren Chef Neuber ist, an ihrem Unternehmen hält.

Die Neugier der Babcock-Eigner kommt nicht von ungefähr. Seit Neuber 1981 an die Spitze der WestLB trat, hat das Institut einen Kranz von Industriebeteiligungen gewunden, dessen Anblick nicht überall Entzücken auslöst.

Von 1985 bis 1991 hat die Bank ihren Beteiligungsbesitz mehr als verdoppelt – von 1,75 auf 4,36 Milliarden Mark. Die nicht konsolidierten Beteiligungen – das sind ganz überwiegend Minderheitsengagements bei Industrieunternehmen – sind seit 1985 sogar auf mehr als das Dreifache gestiegen. Sie summieren sich inzwischen auf 3,4 Milliarden Mark. Vor allem die Großbanken sehen den Einbruch der bedeutendsten deutschen Landesbank in ein Geschäft, das bisher ihnen gehörte, mit zunehmendem Unbehagen.

Aber das bestätigt Neuber nur darin, den expansiven Kurs weiterzufahren. So kaufte er erst vor wenigen Wochen rund zwanzig Prozent des Kapitals der Harpener AG. Weitere gut sechzig Prozent landeten bei der Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen AG (VEW), an der die WestLB wiederum mittelbar mit etwas mehr als zehn Prozent beteiligt ist. Und kurz zuvor stieg Neuber gemeinsam mit der Düsseldorfer LTU-Gruppe (WestLB-Anteil: 34,3 Prozent) in das altehrwürdige britische Reiseunternehmen Thomas Cook ein. Die LTU erwarb 14 Prozent der Anteile und hat eine Option auf weitere 76 Prozent, die WestLB begnügt sich mit 10 Prozent. Da taucht die Frage auf, ob derartige Käufe noch zu den Funktionen einer Bank gehören, die sich selbst in ihrem Geschäftsbericht so beschreibt: „Die Bank erfüllt die Aufgaben einer Staats- und Kommunalbank sowie einer Sparkassenzentralbank.“ Neuber fühlt sich durch diese Definition nicht auf Geschäfte eingeengt, die im Interesse des Landes Nordrhein-Westfalen liegen. Natürlich begleite das Institut die Strukturpolitik des Landes auch mit Beteiligungserwerben, aber die Bank verfolge auch eigene strategische Ziele.

Wie so etwas aussehen kann, verdeutlicht das Engagement bei Babcock. 1987 half Neuber dem Unternehmen, als die Großbanken wenig Interesse an einer breiten Streuung der bis dahin von der iranischen Regierung gehaltenen Babcock-Aktien zeigten, und behielt vermutlich einen Teil der Anteile im eigenen Portefeuille. Er erntete den Dank des Unternehmens, als im vergangenen Dezember Aktien der Babcock-Tochter Flender an die Börse kamen: Die WestLB übernahm den profitablen Part des Konsortialführers.

Von raren Ausnahmen abgesehen, versichert Neuber, wolle die Bank mit ihren Industriebeteiligungen nicht Unternehmen beherrschen, sondern ein rentables Portefeuille aufbauen. Da hat der Außenstehende freilich Schwierigkeiten, den Erfolg zu sehen. Im vergangenen Jahr kassierte die WestLB von ihren nicht konsolidierten Beteiligungen knapp 130 Millionen Mark Ertrag. Ungefähr soviel hätte allein die Beteiligung von mehr als 32 Prozent an der Preussag gebracht, wenn die Aktien verkauft und der Erlös in festverzinsliche Papiere investiert worden wären.