Vor 34 Jahren erschien Cees Nootebooms Roman „Das Paradies ist nebenan“ zum ersten Mal auf deutsch. Jetzt ist eine Neuausgabe in Taschenbuchform erschienen, versehen mit einem Nachwort des Autors.

Damals (1958) habe ich für den Süddeutschen Rundfunk eine Besprechung geschrieben, und wenn ich die heute wieder lese, kommt’s mir so vor, als hätte ich Nooteboom, der beneidenswert jung war, ein bißchen gönnerhaft beurteilt, wahrscheinlich weil ich zwanzig Jahre älter bin als er. Auch sollte ich nicht nur loben, sondern kritisch zu Werke gehen, sozusagen.

Nun, man kennt das Dilemma.

Jedenfalls gefiel mir das Buch, und heute, mit weißem Haar, gefällt’s mir noch besser. In den grauen Tagen des sauren Existentialismus kam ein Holländer daher und erlaubte sich, vom „Paradies“, also von einem hellen Bezirk hinter Menschen und Dingen, zu erzählen und die Leser spüren zu lassen, daß es sich lohnte, auf der Welt zu sein. Er gab ein Innenbild seiner Generation, verzichtete auf alles grimmig Revoluzzerhafte und erzählte, als käme er von Stifters „Hagestolz“ her, mit dem der schrullige Onkel des Ich-Erzählers eine Vorliebe für Absonderliches gemeinsam hat. Aber daß Stifters „Hagestolz“ ein Briefchen ans Gartentor gesteckt worden wäre, in dem steht: „Dein Onkel ist ein warmer Bruder“, das hätte sich zu Stifters Zeiten, zumindest im Roman, nicht geziemt. In unseren Tagen ist man nicht mehr so zimperlich.

Da fährt ein junger Mann als Anhalter durch Europa und lernt sich und andere kennen. Er begegnet den Menschen ohne Hochmut und weiß, wie die Welt ausschaut (da macht er sich nichts vor). Er schläft in Jugendherbergen, läßt sich vom Regen durchnässen, bis die Haut „marmorkalt und gefühllos“ wird, und sieht „schmierige Kinder mit blassen Erwachsenengesichtern“ zwischen Abfall und „gehässig bellenden Hunden“. Jeder, den er kennenlernt, wird präzis charakterisiert wie Vivien, eine Irin mit Fältchen um die Augen, die älter ist und ein Kind hat. Mit ihr ist er zärtlich, sehnt sich aber nach einem Chinesenmädchen, das er nicht wiedersieht. Sie begleitet ihn in Gedanken als eine Art Traum- oder Anima-Figur, wie die Seelenkenner sagen. Dann der Kerl mit dem harten, hämischen Gesicht, der, statt zu reden, immer wieder in die Pfütze spuckt. Oder die beiden aus der Bar in Paris, die ihn mit Messer und Faust zwingen, Geld herauszugeben. Und wieder Vivien, die zwei lange weiße Narben an der Innenseite ihrer Arme hat. „Mit einem Rasiermesser“, sagt sie, während der Tag mit „weinerlichem Licht“ beginnt. Dabei wird Mitgefühl spürbar. Von Menschenverachtung keine Spur.

Nichts Gefühlsseliges ist in Nootebooms Buch, dafür aber das tastende und staunende Lebensgefühl der Jugend, die einem unbestimmten Ziel entgegengeht und der Welt mit Zärtlichkeit begegnet. Kein Wunder, daß ich 1958 in meiner Besprechung so tun mußte, als durchschaute ich den Autor, weil ich schon ein alter Mann von 45 Jahren war, Nooteboom aber zu sich sagen konnte: „Und vor allem wirst du weiterhin die Welt liebenswürdig finden, denn das hast du stets getan.“ Deshalb lohnt es sich, sein Buch zu lesen.

Hermann Lenz

  • Cees Nooteboom:

Das Paradies ist nebenan

Roman; aus dem Niederländischen von Josef

Tichy; Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1992;

142 S., 10,– DM