Von Bernd Ulrich

KÖLN. – Die Ökologie muß sich wieder hinten anstellen. Da steht sie nicht allein. Nach der jüngsten Allensbach-Umfrage sind die Deutschen ja ebensowenig bereit, für die Einheit Opfer zu bringen. Patriotismus ist in den alten Bundesländern kein hinreichendes Motiv für weitere Zahlungen an Ostdeutschland. Es fragt kerung überhaupt noch bereit ist zurückzustecken. Denn das muß sie. Je länger Besitzstandsblockade dauert, desto mehr wird die Zukunft ökologisch wie ökonomisch mit Sachzwängen überladen.

Der psychologische Grundstein für diese Blockade wurde im Jahr 1990 von den Regierungsparteien gelegt. Otto Graf Lambsdorff kündigte damals an, die Kosten der Einheit würden aus den Wachstumsgewinnen beglichen. Damit war nicht nur eine falsche ökonomische Erwartung geweckt. Lambsdorff schloß zugleich jeden Gedanken daran aus, Wachstum könne der ökologischen Wende dienen oder gar zu ihren Gunsten begrenzt werden. So war ein schleichender Trendwechsel in Sachen Umweltschutz und Umweltschonung eingeleitet. Nur mag – anders als in den siebziger Jahren – niemand die veränderte Prioritätensetzung mehr propagieren. Zudem wird suggeriert, es handele sich ja höchstens um eine ökologische Auszeit. Aufgeschoben ist aber ökologisch meist aufgehoben: Die Altlasten sickern ins Grundwasser, und die Arten sterben weiter aus. Beides unumkehrbar, und beides völlig unabhängig von politischen Konjunkturen.

In scharfem Kontrast zur schleichenden Wende wider die Ökologie stand das Verhalten der deutschen Delegation beim "Erdgipfel" in Rio. Dort schien ein ganz anderes Leitbild auf. Was Helmut Kohl und Klaus Töpfer da vorführten, entspricht dem Wunsch der Mehrheit, als ökologische Führungsmacht zu gelten.

Der Preis dafür, gleichzeitig international als ökologische Avantgarde aufzutreten, doch daheim die Prioritäten ganz anders zu setzen, ist eine schwindelerregende Kluft zwischen Reden und Handeln. Während der Umweltminister in Rio ankündigte, die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2005 um 25 Prozent (bezogen auf 1987) zu senken, lag daheim in seiner Schreibtisch-Schublade eine Prognos-Studie, die dieses Ziel schon heute für obsolet erklärt. Ein Urteil, das spätestens seit Bekanntgabe des Bundesverkehrswegeplans in Umweltkreisen allgemein geteilt wird. Der Bundeskanzler versprach den armen Ländern derweil, den Entwicklungshilfe-Etat auf 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts zu erhöhen, um den Druck zur Ausbeutung ihrer Naturschätze zu mindern. Simultan gab Entwicklungshilfe-Minister Spranger deren Senkung auf 0,34 Prozent bekannt. Die Versprechen in Rio waren somit schon gebrochen, bevor die Delegation wieder in Bonn gelandet war.

Dennoch handelt es sich hier nicht um einen Fall von Politikerlügen, sondern um eine authentische Widerspiegelung unvereinbarer Ziele in der Bevölkerung. Die Frage, wie die Westdeutschen überhaupt noch aus ihrer Besitzstandsstarre zu lösen sind, bleibt unbeantwortet.

Soll Ökologie zu einem erfolgreichen Leitbild werden, das mehr konämlich Gewohnheiten –, dann müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Zum einen darf die Politik nicht weiterhin den Eindruck erwecken, als ließe sich eine ernst zu nehmende ökologische Wende ganz ohne Verzieht bewerkstelligen; ein Fehler, der schon den Prozeß der deutschen Einheit ruiniert hat. Zum anderen muß es ein deutliches Signal zur gemeinsamen ökologischen Anstrengung geben, nicht nur vage Ankündigungen, die Mineralölsteuer zu erhöhen oder Autovignetten einzuführen. Die interne Parole des Hauses Töpfer, "Ökologische Revolution durch politische Evolution", jedenfalls greift nicht. Es kann sich nicht alles ändern, und keiner soll es merken,