Von Rolf H. Latussek

Eine Entdeckung britischer Zoologen verschiebt die Zeittafel der Geschichte des Lebens: Tiere mit "Urzähnen", Conodontenträger genannt, waren bereits Wirbeltiere. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Wissenschaftler aus London, Birmingham und Durham, nachdem sie fossile Überreste von Conodonten sorgfältig untersucht hatten. Der Befund ist eine kleine Sensation, denn er verlegt das Auftreten der ersten Wirbeltiere um rund 40 Millionen Jahre zurück ins Kambrium.

Dieses Erdzeitalter, das vor rund 500 Millionen Jahren begann und etwa 100 Millionen Jahre dauerte, ist gekennzeichnet durch eine riesige Formenfülle von wirbellosen Tieren, die sich innerhalb kurzer Zeit entwickelt haben müssen. Die meisten dieser Tiere starben wieder aus. Aber am Ende des Kambriums waren bereits alle wesentlichen Baupläne jener wirbellosen Tierstämme verwirklicht, die noch heute die Erde bewohnen. Daß es damals bereits Organismen mit Wirbeltiermerkmalen gab, hatte bislang niemand vermutet.

Bereits 1856 waren die ersten Conodonten gefunden worden: kleine, zahnähnliche Gebilde von weniger als einem Millimeter Länge, die nur in Ausnahmefällen Zentimetergröße erreichen. Sie erwiesen sich in der Folgezeit als so reichlich in erdgeschichtlichen Ablagerungen vorhanden, daß sie als wichtige Leitfossilien genutzt werden – unter anderem bei Bohrungen zur Erdölexploration. Die ältesten Conodonten wurden in Gesteinsformationen des Kambriums gefunden, die jüngsten in Gesteinen aus der Trias, die vor 200 Millionen Jahren begann.

Rund 300 Millionen Jahre lang haben die Conodontenträger auf der Erde gelebt, aber bis vor kurzem wußte niemand, wie diese Organismen aussahen; es gab keine fossilen Überlieferungen von Weichteilen. Erst 1981 wurde klar, daß Conodonten tierische Überreste sind. Bis dahin war eine Vielzahl von Hypothesen im Schwange; es wurde sogar spekuliert, daß sie pflanzliche Stützelemente gewesen sein könnten. In Schieferschichten bei Edinburgh waren indessen erstmals Abdrücke von drei bis fünf Zentimeter langen, aalähnlichen Tieren gefunden worden, die im Mundbereich mehrere Conodonten trugen.

Die jüngste Zuordnung zur Klasse der Wirbeltiere, die im amerikanischen Wissenschaftsblatt Science (Bd. 256, S. 1308) begründet wird, stützt sich auf die Beobachtung, daß Conodonten denselben Feinbau aufweisen wie die Knochen der Wirbeltiere. In Dünnschliffpräparaten wird ihr mehrschichtiger Aufbau sichtbar, der ein äußeres "Kronengewebe", darunter eine "weiße Substanz" und einen "Basalkörper" zeigt. Das Kronengewebe ist aus mehreren parallel liegenden Lamellen aufgebaut, die dieselbe kristalline Struktur besitzen wie der Zahnschmelz von Wirbeltieren.

Die weiße Substanz ist noch aufschlußreicher. Sie besteht aus einer festen Matrix, in der verstreut kleine Kavernen liegen – Hohlräume, die einmal von lebenden Zellen ausgefüllt wurden. Die Kavernen sind durch unregelmäßige Kanälchen verbunden, über die einst die Zellen Kontakt miteinander gehalten haben. Exakt dieses Bild von Hohlräumen und Kanälen zeigen die Knochen heutiger Wirbeltiere. Der Basalkörper schließlich könnte von knorpelähnlicher Struktur sein.