Das Fort von Qoratu war eine massive Stahlbetonkonstruktion sowjetischer Bauart. Typisch für viele militärische Außenposten, die in den achtziger Jahren, während des langen Krieges gegen den Iran, überall im Nordirak gebaut worden waren. Es wurde am 8. September 1991 von den irakischen Truppen, die dort stationiert waren, in die Luft gejagt. Das war ihr letzter Auftrag, bevor sie sich auf eine neue Frontlinie weiter im Süden zurückzogen. Mitten im Schutt ist ein holpriges Labyrinth von Korridoren und Zimmern übriggeblieben. In einem mit großen Betonstücken übersäten Raum stieß ich auf Wandkritzeleien, signiert von einem irakischen Soldaten namens Yusif. Neben seinen Namen hatte er eine Zeile aus einem bekannten arabischen Liebeslied geschrieben: "Ich liebe dich, ich wünschte, ich könnte dich vergessen und mit dir meine Seele " Daneben hatte sich jemand — unsigniert — mit der Klage "Drill, Drill und nochmals Drill" verewigt.

Es bleibt im dunkeln, warum sich die irakischen Truppen im vergangenen Sommer aus dem Fort von Qoratu zurückzogen. Ganz sicher waren sie nicht von einfallenden iranischen Bodentruppen vertrieben worden. Ebensowenig hatten kurdische Guerillakämpfer, genannt Peschmergas ("die dem Tod ins Auge sehen"), das Fort eingenommen. Eine Gruppe von acht kurdischen Peschmergas, bewaffnet mit Kalaschnikow Sturmgewehren, schweren Maschinengewehren und Granatwerfern, war es jedoch, die mir den Weg zu dem Fort wies, das nahe der irakisch iranischen Grenze am südöstlichen Zipfel Irakisch Kurdistans gelegen ist. Die Peschmergas wollten mir zeigen, wozu das Fort gegen Ende des iranisch irakischen Krieges 1988 benutzt wurde: Es war der Beweis für eine großangelegte irakische Regierungskampagne, sorgfältig geplant und ausgeführt, um einen beträchtlichen Teil der kurdischen Minderheit im Irak zu vernichten.

Ich wußte bereits, daß die Vernichtungskampagne einen Namen hatte: al Anfal. Denn geheime irakische Regierungsunterlagen waren im März 1991 den Kurden in die Hände gefallen. Die Peschmergas hatten sich damals, nach Ausbrucd des Golfkrieges, in alle großen kurdischen Städte im Norden vorgekämpft, und Regierungsgebäude und militärische Einrichtungen standen kurzzeitig unter ihrer Kontrolle. Und ich kannte außerdem die wichtigsten Methoden der Kampagne, Methoden, die in diesem Jahrhundert von Männern wie Hitler oder Pol Pot verfeinert worden waren: zerstörte Dörfer, Sammellager, Giftgas, Erschießungskommandos, Massengräber. Unter den zahllosen, von den Kurden sichergestellten offiziellen Dokumenten — Kurdenführer sprechen von Tonnen, ja ganzen Lastwagenladungen — befinden sich detaillierte, zumeist handgeschriebene Listen von "eliminierten Dörfern", deren Bewohner zusammengetrieben wurden und danach verschwunden sind. Doch die Kurden haben auch ihre eigenen Listen geführt über all jene, die verschleppt und vermutlich getötet wurden — überwiegend Männer und Jungen aus ländlichen Gebieten. Niemand kann genau sagen, wie viele Kurden während der Anfal Kampagne ihr Leben ließen, doch aufgrund meines Beweismaterials bin ich überzeugt, daß die Zahl der Getöteten mindestens 100 000 beträgt. Kurdenführer schätzen die Zahl auf über 180 000 Tote.

Es ist schon lange bekannt, daß die Kurden, die Irakisch Kurdistan bevölkern — das sind heute etwa 3 5 Millionen Menschen auf einer Fläche von etwa 24 000 Quadratkilometern —, im Laufe der Zeit entsetzlich unter der Willkür verschiedener Herrscher in Bagdad gelitten haben. Die Kurden, überwiegend sunnitische Muslime, sind ein altes indoeuropäisches Volk, das heute mehr als zwanzig Millionen Menschen zählt. Der Großteil von ihnen lebt verstreut über den Gebirgsgürtel, der den Südosten der Türkei, den Nordwesten des Iran, den Nordosten Syriens sowie den Nordosten des Irak umspannt. Sprache und Bräuche der Kurden unterscheiden sich von denen der Türken, Perser und Araber, in deren Ländern die Kurden überwiegend leben. Im Irak bilden sie die größte nichtarabische Minderheit und machen damit fünfzehn bis zwanzig Prozent der Bevölkerung aus. Die Autonomiebestrebungen der Kurden waren schon in den zwanziger Jahren blutig niedergeschlagen worden. Doch nachdem der Irak 1932 seine Unabhängigkeit von Großbritannien erklärt und die Baath Partei des Saddam Hussein 1968 die Macht übernommen hatte, wurde das Handlungsmuster, nach dem man mit den unbeugsamen Kurden verfuhr, zunehmend grausamer. Während der vergangenen 24 Jahre bestand die Geschichte der irakischen Kurden hauptsächlich aus Zugeständnissen auf dem Papier (die Regierung versprach mehr Mitspracherecht, weitere Abkommen zur Autonomie), dann kamen Verzögerungen, Wortbrüche, Verrat — und dann die "Umsiedlung" und "Arabisierung", das Plattwalzen von Städten und Dörfern und schließlich die Verschleppung und Ermordung kurdischer Männer und Frauen. Während das Baath Regime seit den frühen siebziger Jahren jegliche Stärkung kurdischer Identität im Irak in die Nähe von "Separatismus", "Chauvinismus" und "Rassismus" rückte — und damit zum kriminellen, verräterischen Akt erklärte —, war es für die irakische Armee und die Geheimpolizei sogar selbstverständlich, daß man als Kurde nur vor Gericht gehen oder gar Opfer einer erfundenen Anklage werden mußte, um die Regierung zum Handeln zu bewegen. Man konnte einen Kurden verhaften, weil er einer der politischen Kurden Parteien angehörte, weil ihn ein Informant belauscht haben wollte, als er den irakischen Präsidenten Saddam Hussein kritisierte, oder weil er während des iranisch irakischen Krieges dem Feind geholfen habe. Das war eine der beliebtesten erfundenen Anklagen.

Ab Mitte der siebziger Jahre konnte ein Kurde auch von einem Tag zum anderen "umgesiedelt" werden — zunächst mit Entschädigung, später ohne —, wenn sein Dorf zufällig an der irakischiranischen Grenze lag. Dieser Grenzstreifen wurde nach und nach verbreitert, dann verlängert, um die Grenze zur Türkei mit einzuschließen. Ab Mitte der achtziger Jahre wurden nicht nur Dörfer in Grenzregionen, sondern auch in Gebieten mitten im Nordirak zerstört und ihre Bewohner "umgesiedelt". Es waren Gebiete, in denen Öl gefördert wurde. Mit der Anfal Kampagne von 1988 wurden diese Methoden auf die Spitze getrieben: Kurde zu sein und in einer Gegend zu wohnen, die den Vermerk "Zutritt aus Sicherheitsgründen verboten" trug — was mittlerweile fast alle ländlichen Gegenden im Nordirak betraf —, war an sich schon ein Todesurteil.

Auf der langen, holprigen Fahrt in zwei Toyota Landrovern zum Fort von Qoratu, südlich der Stadt Suleimanija, erblickte ich im schwachen Licht des Morgengrauens das Dorf Neu Halabdscha, von der Regierung errichtet, um die Restbevölkerung des alten Halabdscha, das nach dem Giftgasangriff eingeebnet worden war, umzusiedeln. Dieses Gebiet und die gesamte nördliche Region sind nun in kurdischer Hand — der "sichere Hafen", von den alliierten Streitkräften Großbritanniens, Frankreichs, der Niederlande und der Vereinigten Staaten im April vergangenen Jahres geschaffen und von oben überwacht durch Kampfflugzeuge, die vom US Stützpunkt in Incirlik in der Türkei starteten.

Als der Kurden Aufstand gegen Saddam Hussein niedergeschlagen wurde, hatte die irakische Armee Anfang April 1991 eine Reihe von Städten in Schlüsselpositionen zurückerobert — und anschließend Unterlagen der Geheimpolizei vernichtet, von denen sich zweifellos viele auf Anfal bezogen und die die Kurden nicht mehr rechtzeitig hatten an sich nehmen können. Die Städte Mosul und Kirkuk im Norden befinden sich noch immer unter Bagdads Kontrolle. Starke irakische Verbände stehen weiterhin in der westlichen Ebene von Irakisch Kurdistan. Im Oktober 1991 verhängten diese Truppen eine strikte Wirtschaftsblockade über einen Großteil der kurdischen Region. Das führte im Norden des Irak vor allem während des harten Winters zu gefährlichen Engpässen bei Lebensmitteln und Treibstoff. Unsere Route führte die meiste Zeit an der irakisch iranischen Grenze entlang. Zur Linken versperrte ein etwa 1 80 Meter hoher Erdwall, den die irakische Armee während ihres achtjährigen Krieges gegen die Streitkräfte des Ajatollah Chomeini errichtet hatten, über Kilometer den Blick auf iranisches Gebiet. Auf der irakischen Seite lagen unversehrte Rollen von Stacheldraht herum, abgewrackte ehemalige Militärfahrzeuge, verstreute Granathülsen. Rechtwinklige Löcher gähnten mich an, grob in Hügel gehauen, aus denen einst Panzer und Kanonen herausragten. Und überall Bombentrichter unterschiedlicher Größe. Es war eine kahle Landschaft, eine Ödnis, wie man sie sich in der Umgebung der Schützengräben aus dem Ersten Weltkrieg vorstellen mag. Nur die Toten fehlten.