Von Barbara Sichtermann

Es gab nichts, was seinen Geist kaltließ. Es gab niemanden, mit dem er nicht reden und dabei etwas aufschnappen und mitkriegen mochte: Percy Bysshe Shelley war ein intellektueller Vielfraß und Menschenverschleißer, aber er hatte auch Vorlieben, denen er die Treue hielt, und Frauen und Freunde, mit denen er zusammenblieb. Zu seinen konstanten Neigungen gehörte das Experimentieren mit der damals aufs neue entdeckten Elektrizität, zu den Nächsten, die er nicht verließ, seine Ehefrau Mary. Was die Nachwelt außerhalb Englands heute von ihm noch weiß, ist eine Synthese aus Physik und Liebe: der berühmte "Frankenstein", die Geschichte des mit Stromstößen zum Leben erweckten künstlichen Menschen, inspiriert von Percy Bysshe, geschrieben von Mary Shelley.

Die Werke des englischen Romantikers sind auf deutsch nicht vollständig und auswahlweise nur in oft unzureichenden Übersetzungen zu haben. Aber übersetze einer Poesie! Wer Shelley lesen will, muß Englisch können. Liest er ihn im Original, faszinieren ihn seine feurigen, voluptuösen Verse vielleicht geradeso wie einst deren Schöpfer Galvanisation und freie Liebe ... Shelleys Stoffe und Symbole entstammten der klassizistisch verklärten Antike, sie brachten nichts Neues. Aber seine Musikalität, seine kühnen syntaktischen Bögen und seine energischen semantischen Farben lohnen die Lektüre. Shelley war ein Lyriker mit einer kraftvollen Stimme, ruhigem Melos und rastlosem politischen Sendungsbewußtsein. Es hörte ihm bloß keiner zu. Als er mit knapp dreißig Jahren starb, hinterließ er ein reiches Werk: Dramen, Essays, Versepen und – in der Hauptsache – Lyrik, das damals so gut wie unbekannt geblieben war.

Nur in den kleinen Zirkeln seiner Frauen, Freunde und Dichterkollegen hatte man Shelley zur Kenntnis genommen, bewundert und ermutigt. Die lesende Öffentlichkeit Englands und Europas ignorierte ihn. Zwar erschienen seine Poeme im Druck, aber die kleinen Auflagen verschwanden rasch wieder vom Markt; die Rezensionen waren großenteils hämisch-abqualifizierend und der unglückliche Verleger von Shelleys Werken nie sicher vor der Polizei. Der Dichter nämlich hatte die Welt für schlecht eingerichtet befunden und mit der grundlegenden Wandlung, die er anstrebte, bei sich selbst begonnen. Mit dem Effekt, daß sich die geschmähte Welt mit ihm überwarf und ihr britischer Teil den verlorenen Sohn ausstieß.

Es gibt eine bravouröse Shelley-Biographie aus der Feder des Londoner Literaturprofessors Richard Holmes, der (unter anderem) eine Coleridge- und eine Kipling-Biographie verfaßt hat. Das vom damals 29jährigen Holmes im Jahre 1974 der Öffentlichkeit vorgelegte Buch "Shelley. The pursuit" umfaßt gut 800 Seiten, und fast keine davon ist zuviel. Es liest sich wie das Protokoll eines Zeitreisenden, der heute dabei war. Leider liegt keine deutsche Version vor. Dabei fände sie wohl Leser auch außerhalb der kleinen Population eingefleischter Lyrik-Freunde und studierter Anglisten. Denn die Vita des Dichters und Rebellen Shelley weist so viele stupende Parallelen auf mit der Lebensgeschichte so mancher antiautoritärer Protestler der Jahre 1968 ff., daß man bei der Lektüre auf die Idee eines epochenübergreifenden Musters revolutionärer Biographie geradezu gestoßen wird.

An der Wurzel von Shelleys Ausbruch aus der ihm vorgezeichneten Lebensbahn liegt der Konflikt mit dem Vater, einem wohlhabenden Landedelmann. Shelley findet nicht, wie Jugend letztlich meist, zum Kompromiß mit dem Establishment. Er bleibt unversöhnlich. Er kann es dem Vater, allen Vätern, nicht vergeben, daß sie die Not der englischen Manufakturarbeiter und der irischen Tagelöhner, daß sie die Polizeieinsätze gegen erste Streiks, das Blutbad von Manchester, dem der brutale Frühkapitalismus seinen Namen verdankt, hinnehmen wie von Gott gewollt. Ausgangspunkt all seiner Attacken bleibt die Frömmelei, ja weiter: die Religion. Was ist die anderes als eine organisierte Illusion und Drohgebärde, gut allein dazu, das Gewissen der Ausbeuter zu beschwichtigen und die Ansprüche der Armen auf die nächste Welt zu lenken? Immer wieder wird Shelley gegen die religiös verklärte Heuchelei aufstehen, und diese Standhaftigkeit – "Atheismus" ist damals sogar in England noch ein Delikt – wird ihn letztlich zum Exil zwingen. "... weiß ich, daß Tugend mehr entgegensteht / Als Macht und List: Legaler Mord und Brauch, als faulste Frucht der blut’ge Glaube auch ..."

Shelleys Familie war begütert und stolz. Der Sohn soll das Anwesen erben, verwirft aber statt dessen das Erbrecht. Der hochintelligente Student, den es in die Politik zieht, benutzt seine Gaben nicht, um Karriere zu machen, sondern um alles und jedes, von der Kindererziehung bis zur kirchlichen Hierarchie, mit wütender Kritik zu geißeln. Vor seinen eigenen Lebensumständen macht er schon gar nicht halt. Alltag, Liebe, Eigentum – nichts davon ist so geregelt, daß der Mensch Mensch sein könnte. "Geschichte ist von ihrer Schmach beschämt, Kunst hüllt den Spiegel ein und scheut den Tag ..." Die Universitäten sind nach Shelleys Überzeugung Anstalten zur geistigen Knebelung und seelischen Verstümmelung junger Männer. Der Neunzehnjährige verfaßt eine Streitschrift mit dem Titel: "Die Notwendigkeit des Atheismus", in der er nicht mehr verlangt, als daß der "Standpunkt" des Atheismus als einer unter mehreren zu Wort kommen dürfe, Toleranz also für den Unglauben. Die Antwort Oxfords ist die sofortige Relegation des Ketzers. Vater Shelley enterbt seinen Erstgeborenen.