Von Marion Gräfin Dönhoff

Während alle Welt angstvoll und ratlos nach Jugoslawien blickt, bahnt sich in Südafrika eine gefährliche Entwicklung an. Seit in der Township Boipatong 42 Schwarze von einer rivalisierenden Gruppe brutal ermordet wurden, sind haßerfüllte Ausbrüche an der Tagesordnung. Gewalt ist derzeit das Hauptproblem, vor allem, weil immer neue Untaten der brutalisierten Polizei ans Tageslicht kommen. Der führende Pathologe Südafrikas, Jonathan Gluckman, hat soeben erklärt, daß von 200 toten Häftlingen, die er untersuchen mußte, 90 Prozent von Polizisten getötet worden seien.

Es steht außer Zweifel, daß die Polizei jahrzehntelang, ohne kontrolliert zu werden, willkürlich wüten konnte. Es gibt kaum Fälle, in denen weiße Polizisten wegen Folterungen oder Mord vor Gericht gestellt worden sind. In den letzten Tagen ist ein junger Polizist verhaftet worden, der unter Verdacht steht, fünf Frauen ermordet und zwei vergewaltigt zu haben. Erst jetzt hat der Polizeiminister eine umfassende Untersuchung aller Todesfälle in Polizeigewahrsam angeordnet. Auf Verlangen des African National Congress (ANC) wird es eine richterliche Untersuchung sein und keine polizeiliche.

Schon seit einigen Monaten gibt es in Südafrika eine internationale Untersuchungskommission. Sie wird geleitet von dem allseits hochgeachteten, ehemaligen Obersten Richter Goldstone; ihr gehören ein bekannter englischer Staatsrechtler und zwei hohe Beamte von Scotland Yard an. Die Kommission hat erst einmal Regierung und Schwarze gleichermaßen kritisiert, was bei de Klerk eine wichtige Reaktion bewirkte: Er hat drei Polizeieinheiten aufgelöst, die für ihre Brutalität bekannt sind. Im übrigen wurde festgestellt, daß trotz eingehender Untersuchung keine Beweise für eine Mitwirkung der Polizei am Massaker von Boipatong gefunden wurden.

ANC-Chef Mandela hat die bis dahin sehr positiv verlaufenden Verfassungsgespräche mit der Regierung abgebrochen, weil sich nach Boipatong sofort das Gerücht verbreitete, die Polizei habe bei jenem Massaker ebenfalls mitgewirkt. Gerüchte, Hetze und Feindbilder tragen entscheidend zu der ständig eskalierenden Gewalt in Südafrika bei. Auch die abgrundtiefe Rivalität zwischen den beiden Führerfiguren der Schwarzen, Mandela und Buthelezi, heizt die blutigen Auseinandersetzungen an. Insgesamt haben sich 5000 Schwarze während der letzten zwei Jahre gegenseitig umgebracht. Darunter waren 117 Polizisten – ein Zeichen dafür, daß nicht nur Buthelezis Inkatha mordet, die es angeblich mit der Regierung hält.

Da Regierung und ANC viel an der Wiederaufnahme der Verhandlungen liegt, doch keiner den ersten Schritt tun will, haben sie gemeinsam die Vereinten Nationen angerufen, obgleich zwischen New York und Pretoria seit Jahrzehnten keine Beziehungen mehr bestanden. Auf Einladung des Sicherheitsrats reiste dann Anfang Juli die Führung aller Verhandlungspartner über den Atlantik: Außenminister Pik Botha mit den drei höchsten Beamten seines Ministeriums, Mandela mit Beratern, sein Widerpart Buthelezi mit seinen Leuten und der Häuptling eines Homelands. Resultat: Der ehemalige US-Außenminister Cyrus Vance wurde nach Südafrika entsandt, um zu ergründen, wie die Ausbreitung der Gewalt gestoppt werden kann.

Inzwischen hat die ANC-Führung den Beginn der bereits angedrohten Massen-Kampf-Aktionen auf den 3. August festgesetzt. Während fünf Tagen wird es im ganzen Land Demonstrationen, Besetzungen von Behörden und Generalstreiks geben. Man kann sich unschwer vorstellen, was dies in einer tief verfeindeten Gesellschaft bewirken wird. Absehbar ist auch, was ein solcher Aufruhr für ein Land bedeutet, das unter fast fünfzig Prozent Arbeitslosigkeit und der schlimmsten Dürre seit hundert Jahren leidet.

Es ist zu befürchten, daß die Enthüllungen alter und neuer Untaten der Polizei das ohnehin haßerfüllte Klima noch mehr anheizen. Aber als Tatsache bleibt: Beide Seiten können nur gemeinsam den Schlüssel für die Zukunft schmieden.