Von Martin Merz

Eine unerwartet fröhliche Einladung vor todernstem Hintergrund: „Celebrate Your Life – Feiert das Leben“ hieß es da. Daß die Kirchen mit Kranken Gottesdienst feiern, ist in zwanzig christlichen Jahrhunderten üblich geworden. Daß es zehn Jahre braucht, damit HIV-Infizierte, Aids-Kranke und Kirchenobere um einen Altar versammelt Gott anrufen, verdeutlicht, wie viele Skrupel bis zum „Ökumenischen Gottesdienst in der Aids-Krise“ am 12. Juli in der Hamburger Hauptkirche St. Katharinen überwunden werden mußten.

Die Schola Canterosa wird singen? Das gängige Bekenntnis, niemand dürfe aus der Christengemeinschaft ausgegrenzt werden, wurde schon durch die Teilnahme des schwulen Chores auf die Probe gestellt. Mancher evangelische Pastor und Kirchenvorstand traute sich nicht, ungute Gefühle zu überprüfen, und hielt die Kirchentore unter Vorwänden verschlossen.

Und die Herren vom Chor? Ist eine fröhliche Fliege am Kragen zu gewagt, wenn aus den Kehlen fromme Weisen kommen? Sie standen dann da in schlichten weißen Hemden über schwarzen Hosen und sangen Franz Schuberts schmachtendes „Heilig“. Erst als zum Schluß ihr Erkennungslied „That’s what friends are for“ erklang, verwischten sie die Ähnlichkeit mit braven Regensburger Domspatzen.

„Hamburg Leuchtfeuer“, eine Initiative für Menschen mit HIV/Aids, hatte eingeladen. Dem Gründer des Arbeitskreises, Miguel-Pascal Schaar, gelang es nach zähen Gesprächen und beharrlichem Nachfassen bei Hamburger Kirchenoberen, den Gottesdienst zu realisieren. Schließlich kamen alle: HIV-Infizierte, Aids-Kranke und Rita Süssmuth, Act-up-Aktivisten und die neue Hamburger Bischöfin Maria Jepsen, Frauen vom „Café Sperrgebiet“, einem Anlaufpunkt für teils minderjährige Prostituierte, und Pastoren verschiedener Konfessionen und Länder, Vertreter der Aids-Hilfe, Homosexuelle in großer Zahl, „normale“ Gemeindechristen und in letzter Minute ein katholischer Priester. Jesus befand sich in bunter, bester Gesellschaft.

Es gelang, woran die Beteiligten vorher selbst kaum glauben mochten: ein Gottesdienst ohne heuchlerische Betulichkeit. Trotz Abendmahl in liturgischer Hochform blieb Raum für kritische Rede, es ging ruhig über den Grad zwischen weinerlicher Traurigkeit und zwanghaft fröhlichem Optimismus. Kranke und Gesunde schienen sich am richtigen Ort zu fühlen, um ihr Leben zu feiern. Rita Süssmuth interpretierte das in einer Ansprache von der Kanzel so: „Aids gibt uns unser Gedächtnis wieder zurück. Der Aids-Kranke ist heute vielleicht der vollständigere Mensch im Vergleich zum Gesunden, der Angst, Schwäche und Verlorenheit aus seinem Leben herausgeworfen hat.“

An die Adresse der Kirchen formulierte der altkatholische Prediger Daniel Conklin von der Lazaruslegion in Hannover dann zugespitzt: „In dem menschlichen Spektrum der Sexualität haben die Kirchen einen derartigen Nachholbedarf, daß sie erst ein Jahrhundert Lernende sein müßten, bevor sie überhaupt Lehrende sein können. Wir haben von Menschen zu lernen, die zur gleichgeschlechtlichen Liebe begabt sind.“