Von Dirk Kurbjuweit

Unser Gesundheitswesen baut auf Verantwortung und Solidarität – und deshalb steckt es in einer Dauerkrise. Wären Ärzte, Zahnärzte, Krankenhäuser, Pharmaindustrie, Krankenkassen und Patienten allein auf die größtmögliche Gesundheit bedacht – wir brauchten uns um die Kosten nicht zu sorgen. Aber jeder hat auch den eigenen Vorteil im Sinn. Daher ist nun die zweite Gesundheitsreform innerhalb von vier Jahren so nötig wie bittere Medizin.

Arbeitsminister Norbert Blüm scheiterte beim ersten Anlauf, weil er – auf das Verantwortungsbewußtsein hoffend – allen Beteiligten zuviel Spielraum ließ. Und so holte sich jeder, was er kriegen konnte – wie gehabt. Was Blüm damals versäumte, muß Gesundheitsminister Horst Seehofer nun nachholen. Greift er nicht rasch ein, steigen die Beiträge bald auf 13 Prozent der Löhne und Gehälter. Das wäre mehr als vor Blüms Reform – und eine zu hohe Last für Arbeitnehmer und Arbeitgeber, die sich die Beiträge teilen.

Streikende Zahnärzte, empörte Pharma-Manager, zürnende Gewerkschafter – Seehofers Operation scheint weh zu tun. Verspricht sie deshalb schon Erfolg? Tatsächlich setzt Seehofer der Ausbeutung des Systems einige Schranken. Zahnärzten und Ärzten werden die Einkommen beschnitten, die Krankenhäuser dürfen nicht mehr nach Belieben Leistungen abrechnen, der Absatz der Pharma-Industrie wird beschränkt, indem die Ärzte Obergrenzen bei ihren Rezepten beachten müssen. All das ist sinnvoll, reicht aber nicht aus. Noch gibt es genug Möglichkeiten, den eigenen Nutzen zu maximieren – zum Schaden der Gesamtheit.

Die große Lücke klafft beim Zusammenspiel von Ärzten und Krankenkassen. Auch Seehofer unterstellt ihnen so viel Verantwortungsbereitschaft, daß er es ihnen überläßt, große Bereiche des Gesundheitssystems in gemeinsamer Selbstverwaltung zu regeln. Doch da liegt er leider falsch. Verantwortungsbewußte Ärzte würden die Therapie wählen, die bei geringsten Kosten Genesung verspricht. Doch die Einkommen der Ärzte steigen mit dem Aufwand, den sie treiben. So wird nicht selten gespritzt, gemessen und geröntgt, um die Geräte auszulasten und den eigenen Geldbeutel zu füllen – gegen jede Vernunft. Striktere Honorarfesseln und Grenzen für die Niederlassungsfreiheit genügen nicht. Das eigentliche Problem liegt in einer Honorarstruktur, welche die teure Behandlung belohnt – aber nicht die gute.

Moderne Medizin sieht daher so aus: Wer hohen Blutdruck hat, geht gleich zum Kardiologen, läßt dort Messungen an modernsten Geräten machen und bekommt Beta-Blocker verschrieben. Besser und günstiger wäre oft ein ausführliches Gespräch mit dem Hausarzt; vielleicht treibt falsche Ernährung Gewicht und Blutdruck in die Höhe. Ein Diätplan hilft da oft mehr als der Griff zur Tablette.

Doch solange Gespräche mager und technische Leistungen üppig honoriert werden, bleibt solche Zuwendungsmedizin eine Illusion. Ein Arzt steuerte in die Pleite, nähme er sich viel Zeit für seine Patienten. Schuld daran trägt die Ärzteschaft selbst, weil sie die High-Tech-Medizin in der Selbstverwaltung durchsetzt. Die Folge: hohe Kosten, aber keineswegs bessere Gesundheit.