Auch Amanda bleibt ein Schattenriß, eine empfindsame Hausfrau mit Schwanenhals und Telleraugen, die erfolglos an einem Roman schreibt. Sie ist nichts als das magere Phantasieprodukt dreier Schriftstelleramateure. Weder die Parteileiche Weniger, die vom Untergang des Kapitalismus träumt, noch der eitle Dissident Hetman und auch nicht der meinungslose West-Hedonist Doll, der alles schreibt, wofür er bezahlt wird, bringen es fertig, uns Amandas Herz zu öffnen. Die literarischen Versuche dieser Herren sind eine in Maßen amüsante, eher zähe Lektüre. Rollenprosa – versteht sich. Aber leider auch die einzige Prosa dieses Buches.

Fritz Weniger, der, wie er einräumt, sein Verhältnis zu Amanda stets "durch den Hosenschlitz" gesehen hat, berichtet über die sexuellen Bedürfnisse seiner geschiedenen Gattin ("unter dem Durchschnitt"), über seinen "Anstellwinkel" und "unseren Freund", der sich nicht immer "ruhmreich schlägt" oder auch nur "Dienst nach Vorschrift" leistet. Wenigen Nachfolger, Ludwig Hetmann, stellt sich in seinem nach der Trennung verfaßten Bericht bei Amanda, diesem "frischen Menschen", im Angora-Unterhemd und mit Pralinenschachtel vor. Obwohl er "im Dickicht einer fremden Ehe nicht den Helden spielen" will, kommt es erwartungsgemäß zur ersten Liebesnacht, in der sein "Einakter", wie er seiner Novelle anvertraut, leider nicht in bester "Verfassung" war. Nach sieben glücklichen Jahren klingelt NDR-Reporter Doll an der Tür. Sein Tagebuch dokumentiert ein "Entzücken". Und befeuert durch den Rat seines Vaters ("der Kampf um die richtige Frau ist der wichtigste Kampf im Leben eines Mannes"), beginnt der junge Mann unverzüglich mit der Brautwerbung. Auf den ersten Kuß, "mitten auf den Mund und lange", folgen Nächte "aus Samt und Seide". "Von einer Heirat", dichtet der Klappentext, konnte nun "nicht mehr abgesehen werden".

Die augenzwinkernde Angestellten-Erotik dieser Liebesgeschichten, der solide Opportunismus der Helden, die matte, in Floskeln erstarrte Rhetorik machen trübsinnig. Jurek Becker ist ein routinierter Stimmenimitator, ein bewährter Bauchredner des sogenannten kleinen Mannes. Doch wird diese Handwerkskunst monoton, wenn keine Gegenstimme dem Volksmund widerspricht, wenn dessen "gesundes" Empfinden mit dem Horizont des Romans zusammenfällt.

Vielleicht weiß das der Autor. Denn er unternimmt zumindest eine deutliche Kunstanstrengung, um den rechtschaffenen Bürokraten-Sound zu unterbrechen: Schriftsteller Hetmann hat seine Erlebnisse mit Amanda in einer Novelle verarbeitet, die im Computer verschwunden ist. Die bruchstückhafte Rekonstruktion der verlorenen Novelle über "Louise und Rudolph" soll an die literarische Fiktion, an die künstliche Perspektive aller Geschichten erinnern. Doch auch dieses Manöver mißglückt, bleibt eine leere Geste. Schenkt Rudolph Louise in der Novelle einen schwarzen Kaschmirmantel, bekommt Amanda in Hetmanns Bericht eine rote Seidenbluse. Gibt sich Rudolph in der Novelle besonders verstaubt, spiegelt sich darin nur Hetmanns aufgeräumte Bedachtsamkeit. Schließlich kann man die beiden kaum noch unterscheiden.

Das pflichtschuldige Spiel mit der Fiktion täuscht eine Komplexität vor, von der Jurek Becker sich inzwischen gründlich verabschiedet hat. Es simuliert nur noch die Verstiegenheiten und Höhenflüge der Poesie. Und bleibt vergnüglich, genügsam am Boden. "Amanda herzlos" ist der erste Roman Jurek Beckers, der die Grenze zur Unterhaltungsliteratur schmerzlos überschritten hat.

  • Jurek Becker:

Amanda herzlos

Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1992; 384 S., 42,– DM